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Differential- und Integralrechnen, Technische Mechanik, Grundlagen der Organischen Chemie und ähnliche Kurse haben an Hochschulen eigentlich die Aufgabe, Studienanfänger auf ein erforderliches Mindestniveau für einen erfolgreichen Studienabschluss zu bringen, dienen aber in der Praxis oft dazu, unzureichend vorbereitete Studierende „auszusieben“.
Ein Beitrag auf Inside Higher Education zitiert jetzt ein Paper zur Korrelation von Noten in solchen Einführungskursen und Studienerfolg in STEM-Fächern, die eigentlich niemanden überraschen sollte. Es heißt in der Zusammenfassung der Untersuchung: „In higher education, performance in core introductory courses required for STEM degrees is strongly associated with degree completion.“ Was allerdings überrasche und dringend korrigiert werden müsse, seien die Abweichungen dieses Zusammenhangs zwischen weißen männlichen Studierenden auf der einen Seite und weiblichen Angehörigen aus bislang in STEM-Fächern unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen (Underrepresented Minorities, URM). Ein durchschnittlich vorbereiteter weißer Mann, der in den Einführungskursen auf Leistungen von „Ausreichend“ oder besser komme, habe eine statistische Aussicht von 48% auf den Studienerfolg insgesamt. Bei einer ansonsten vergleichbaren Studentin aus den URM sinke bei gleichen Ergebnissen die Erfolgsaussicht auf 35%.
Die Eignung von Ergebnissen in Einführungskursen als Prädiktor ist allerdings auch den Zahlen zu entnehmen, denn: „If these students receive less than a C in even one introductory STEM course, the probabilities drop to 33% and 21%, respectively.“
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An der New York University (NYU) haben sich Studierende erfolgreich gegen zu rigide Standards in einem Einführungskurs in Chemie gewehrt und über eine Petition sogar die Entlassung des Professors – Maitland Jones Jr., ein Professor für organische Chemie zuerst an Princeton University und dann an NYU und ein Verfasser eines Standard-Lehrbuchs zum Thema – bewirkt. Es heißt: „Students said the high-stakes course – notorious for ending many a dream of medical school – was too hard, blaming Dr. Jones for their poor test scores. The professor defended his standards. But just before the start of the fall semester, university deans terminated Dr. Jones’s contract.“
Eine Kollegin von Prof. Jones habe daraufhin die Haltung der Hochschule als zu nachgiebig gegenüber den Studierenden und ihren hohe Studiengebühren zahlenden Eltern kritisiert. Während der Pandemie, so heißt es weiter, hätten die Studierenden nach Ansicht von Prof. Jones nicht nur ihre Lernstoffe vernachlässigt, sondern auch zu lernen verlernt. Selbst seine Bemühungen, die Stoffe durch von ihm aufgezeichnete Lehrveranstaltungen zur Verfügung zu stellen, hätten nicht gefruchtet. Er wird dazu mit den Worten zitiert: „They [the students] weren’t watching the videos, and they weren’t able to answer the questions.”
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Die Meldung rief eine erregte Debatte in der New York Times hervor aus der wir zwei Positionen zitieren möchten. Zum einen ist es Jessica Calarco, Soziologieprofessorin an Indiana University, die in ihrem Beitrag in der Entlassung von Prof. Jones zum einen die gewachsene Bereitschaft von Studierenden erkennt, die Schleusenfunktion bestimmter Kurse und damit die bestehende Machtdynamik an den Hochschulen in Frage zu stellen. Zum anderen sei es aber auch ein Zeichen zunehmender Vielfalt der Studierenden, die viele Hochschultraditionen in einem neuen Licht erscheinen ließen. Eine dieser Traditionen sei die Auslese-Mentalität. Es hat habe sich gezeigt, dass Kurse, die zwischen ernsthaften und weniger ernsthaften Studierenden unterscheiden sollen, oft nur zwischen Studierenden unterscheiden, die über ausreichende Mittel verfügten, und solchen, die dies nicht täten.
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Aus Sicht von Tressie McMillan Cottom, Soziologieprofessorin an der University of North Carolina in Chapel Hill sieht, ließe sich die Geschichte leicht als eine des Niedergangs westlicher Bildungsstandards oder wachsender Intoleranz gegenüber einem hochkompetitiven akademischen Wettbewerb erzählen. Dies sei aber nicht das einzige Problem. Ebenfalls relevant sei die Tatsache der Entlassung von Prof. Jones, der als Adjunct Faculty keinen Kündigungsschutz gehabt habe. Sie schreibt: „In the final analysis, this is not a great example of academic standards adrift. (...) This is not an invention of the student consumer model. (...) It’s more likely a case of the administration treating Jones the way it has undoubtedly treated other contingent faculty members over the years. (...) The labor issue is by far the bigger social problem.“
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