10.10.2022

Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.

Die Themen dieser Woche:

  • Was wird aus den Studienschulden?
  • Selektionsfunktion bestimmter Einführungskurse in der Kritik
  • College Rankings: Wenig aussagekräftig und doch immer wieder faszinierend
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir befassen uns in dieser Ausgabe mit jüngsten Entwicklungen im Hinblick auf die Verfügung des US-Präsidenten zur Stundung von Studienschulden und mit der Funktion bestimmter Einführungskurse als Sortiermechanismus zwischen ernsthaften Studierenden und weniger ernsthaften. Wir werfen zudem einen Blick auf das Course Sharing als eine Möglichkeit für kleinere Hochschulen, ihr Bildungsangebot zu erweitern, und – wie immer – auf verschiedene Kurzmeldungen.

 

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre, Gesundheit, Geduld und Zuversicht.

 

Stefan Altevogt

Was wird aus den Studienschulden?

In weniger als einem Monat wird sich in den Midterm Elections die Handlungsfähigkeit der Regierung über die im gegenwärtigen „term“ verbleibenden zwei Jahre entscheiden. Mit weitreichenden Gesetzespaketen und der Ankündigung eines Erlasses von Studienschulden bis zu $10.000 bzw. $20.000 hat Präsident Joe Biden im Sommer immerhin zu einer leichten Verbesserung der Chancen der Demokraten bei den Midterms beitragen können, doch im Gegensatz zum CHIPS and Science Act (zur Förderung der heimischen Halbleiterindustrie und zur Forschung in den USA) und dem Inflation Reduction Act (zur Förderung einer nachhaltigeren Wirtschaft) ist der Schuldenerlass per Anordnung des Präsidenten derzeit noch nicht gesichert, weil aus verschiedensten Richtungen Klagen gegen seine Rechtmäßigkeit angekündigt worden sind.

Zur Frage, wie teuer der geplante Schuldenerlass für die öffentliche Hand werden würde, hat sich Ende September das Congressional Budget Office (CBO) mit einer Schätzung in Größenordnung von $400 Mrd. über die kommenden 30 Jahre geäußert und die New York Times schrieb in einem Beitrag: „President Biden’s plan to erase significant amounts of student loan debt for tens of millions of Americans could cost about $400 billion, the nonpartisan Congressional Budget Office said in a report Monday, making it one of the costliest programs in the president’s agenda.“ Laut CBO könnten die Kosten noch um weitere $20 Mrd. steigen, wenn das derzeitig gültige Schuldenmoratorium bis Ende des Jahres verlängert werden würde. Wenngleich die Kosten über die kommenden drei Jahrzehnte geschätzt seien, würden sie sich doch zum größten Teil im kommenden Jahrzehnt auswirken.

Die nun vorgelegte Schätzung des CBO sei eine von mehreren Schätzungen zu den möglichen Kosten. Es heißt: „The Committee for a Responsible Federal Budget calculates the cost at somewhere between $440 billion and $600 billion over a decade. The University of Pennsylvania’s Penn Wharton Budget Model estimates just over $600 billion over 10 years.“

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Ob es jedoch überhaupt zu einem Schuldenerlass kommen wird, ist angesichts vieler Ankündigungen von Klagen gegen die Verfügung des Präsidenten noch nicht gesichert, und Ende September sei laut New York Times tatsächlich eine erste Klage gegen den Schuldenerlass beim US District Court for the Southern District of Indiana eingereicht worden. Für eine Klage, so der Beitrag, müsste der Kläger begründen, warum er vom Schuldenerlass benachteiligt würde, und die nun eingereichte Klage argumentiere wie folgt: Erlassene Schulden würden steuerrechtlich wie Einkommen bewertet und Einkommenssteuern würden fällig. Die fälligen Einkommenssteuern konstituierten den „Nachteil“, der eine Klage überhaupt möglich mache, ungeachtet der Tatsache, dass die Verfügung des Präsidenten zum Schuldenerlass auch einen Verzicht auf diesen vorsehe, also eine Vermeidung des „Nachteils“. Ein Sprecher des Weißen Hauses wird dazu mit den Worten zitiert: „Anyone who does not want debt relief can choose to opt out. Why (...) this baseless claim? Because opponents of the debt relief plan are trying anything they can to stop this program that will provide needed relief to working families.”

 

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Ein Beitrag befasst sich im Chronicle of Higher Education mit der bisherigen Praxis der allermeisten US-Hochschulen, Studienbescheinigungen erst dann auszuhändigen, wenn die Studierenden alle Rechnungen beglichen hätten, und meldet die Entscheidung des Consumer Financial Protection Bureau, diese Praxis als machtmissbräuchlich untersuchen zu wollen. Es heißt: „Blanket policies to withhold academic transcripts from students with outstanding loan debt to colleges are ‘abusive under the Consumer Financial Protection Act‘, the Consumer Financial Protection Bureau found last week. Colleges should end the practice, the agency wrote in a news release on new guidance for federal investigators.“

 

Sie finden den Beitrag hier.

Selektionsfunktion bestimmter Einführungskurse in der Kritik

Differential- und Integralrechnen, Technische Mechanik, Grundlagen der Organischen Chemie und ähnliche Kurse haben an Hochschulen eigentlich die Aufgabe, Studienanfänger auf ein erforderliches Mindestniveau für einen erfolgreichen Studienabschluss zu bringen, dienen aber in der Praxis oft dazu, unzureichend vorbereitete Studierende „auszusieben“.

Ein Beitrag auf Inside Higher Education zitiert jetzt ein Paper zur Korrelation von Noten in solchen Einführungskursen und Studienerfolg in STEM-Fächern, die eigentlich niemanden überraschen sollte. Es heißt in der Zusammenfassung der Untersuchung: „In higher education, performance in core introductory courses required for STEM degrees is strongly associated with degree completion.“ Was allerdings überrasche und dringend korrigiert werden müsse, seien die Abweichungen dieses Zusammenhangs zwischen weißen männlichen Studierenden auf der einen Seite und weiblichen Angehörigen aus bislang in STEM-Fächern unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen (Underrepresented Minorities, URM). Ein durchschnittlich vorbereiteter weißer Mann, der in den Einführungskursen auf Leistungen von „Ausreichend“ oder besser komme, habe eine statistische Aussicht von 48% auf den Studienerfolg insgesamt. Bei einer ansonsten vergleichbaren Studentin aus den URM sinke bei gleichen Ergebnissen die Erfolgsaussicht auf 35%.

Die Eignung von Ergebnissen in Einführungskursen als Prädiktor ist allerdings auch den Zahlen zu entnehmen, denn: „If these students receive less than a C in even one introductory STEM course, the probabilities drop to 33% and 21%, respectively.“

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Sie finden die Untersuchung hier.

 

An der New York University (NYU) haben sich Studierende erfolgreich gegen zu rigide Standards in einem Einführungskurs in Chemie gewehrt und über eine Petition sogar die Entlassung des Professors – Maitland Jones Jr., ein Professor für organische Chemie zuerst an Princeton University und dann an NYU und ein Verfasser eines Standard-Lehrbuchs zum Thema – bewirkt. Es heißt: „Students said the high-stakes course – notorious for ending many a dream of medical school – was too hard, blaming Dr. Jones for their poor test scores. The professor defended his standards. But just before the start of the fall semester, university deans terminated Dr. Jones’s contract.“

Eine Kollegin von Prof. Jones habe daraufhin die Haltung der Hochschule als zu nachgiebig gegenüber den Studierenden und ihren hohe Studiengebühren zahlenden Eltern kritisiert. Während der Pandemie, so heißt es weiter, hätten die Studierenden nach Ansicht von Prof. Jones nicht nur ihre Lernstoffe vernachlässigt, sondern auch zu lernen verlernt. Selbst seine Bemühungen, die Stoffe durch von ihm aufgezeichnete Lehrveranstaltungen zur Verfügung zu stellen, hätten nicht gefruchtet. Er wird dazu mit den Worten zitiert: „They [the students] weren’t watching the videos, and they weren’t able to answer the questions.”

 

Sie finden die Meldung hier.

 

Die Meldung rief eine erregte Debatte in der New York Times hervor aus der wir zwei Positionen zitieren möchten. Zum einen ist es Jessica Calarco, Soziologieprofessorin an Indiana University, die in ihrem Beitrag in der Entlassung von Prof. Jones zum einen die gewachsene Bereitschaft von Studierenden erkennt, die Schleusenfunktion bestimmter Kurse und damit die bestehende Machtdynamik an den Hochschulen in Frage zu stellen. Zum anderen sei es aber auch ein Zeichen zunehmender Vielfalt der Studierenden, die viele Hochschultraditionen in einem neuen Licht erscheinen ließen. Eine dieser Traditionen sei die Auslese-Mentalität. Es hat habe sich gezeigt, dass Kurse, die zwischen ernsthaften und weniger ernsthaften Studierenden unterscheiden sollen, oft nur zwischen Studierenden unterscheiden, die über ausreichende Mittel verfügten, und solchen, die dies nicht täten.

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

Aus Sicht von Tressie McMillan Cottom, Soziologieprofessorin an der University of North Carolina in Chapel Hill sieht, ließe sich die Geschichte leicht als eine des Niedergangs westlicher Bildungsstandards oder wachsender Intoleranz gegenüber einem hochkompetitiven akademischen Wettbewerb erzählen. Dies sei aber nicht das einzige Problem. Ebenfalls relevant sei die Tatsache der Entlassung von Prof. Jones, der als Adjunct Faculty keinen Kündigungsschutz gehabt habe. Sie schreibt: „In the final analysis, this is not a great example of academic standards adrift. (...) This is not an invention of the student consumer model. (...) It’s more likely a case of the administration treating Jones the way it has undoubtedly treated other contingent faculty members over the years. (...) The labor issue is by far the bigger social problem.“

 

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Course Sharing: Eine neue Überlebensstrategie für kleine Hochschulen

Zu den in den USA in ihrer Existenz bedrohten Arten von Hochschulen zählen vor allem Liberal Arts Colleges mit geringen Studierendenzahlen und entsprechend geringen Möglichkeiten, Bildungsangebote jenseits eines allgemeinbildenden Kanons zu machen.

Die New York Times befasste sich in dieser Woche mit Hochschulen, die über „Course Sharing“ mit anderen Hochschulen ihr Bildungsangebot erweitern, um auf diese Weise überlebensfähiger zu werden. Ein Beispiel des Beitrags ist das Adrian College im ländlichen Michigan mit 1.500 Studierenden. Es liegt 30 km südwestlich der University of Michigan in Ann Arbor und 50 km südlich der Michigan State University in Lansing, die mit jeweils etwa 50.000 Studierenden in der Lage seien, Kursangebote zu machen, die auch für Studierende von Interesse sein könnten, die eigentlich die Intimität eines kleinen Campus‘ bevorzugten. Ein von der Michigan State University angebotener Kurs in Supply Chain Management könne durch das Course Sharing nun auch am Adrian College belegt werden und erlaube auf diese Weise eine Kombination von Vorteilen.

Das Adrian College sei nur ein Beispiel für einen Trend, der vor allem durch die Covid-Pandemie Dynamik gewonnen habe, weil sich seither Vieles im Hinblick auf Fernstudienformate getan habe, die so ein Course Sharing überhaupt erst möglich machten. Es heißt: „The school is among a fast-growing number of mostly small liberal arts colleges that are adding explicitly career-focused programs through a little-noticed innovation called course sharing. (...)  Using technologies that made major progress during the pandemic – most notably, the delivery of education online – course sharing generally teams up universities and colleges that have extra space in online classes with partner institutions that want to add new programs but can’t afford the time or money to develop them alone.“

 

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Kurznachrichten

In Gesprächen mit 12 Studierenden an US-amerikanischen Colleges möchte ein Beitrag in der New York Times die These widerlegen, dass Studierende heute vor allem linke Aktivisten ohne Bezug zur realen Welt seien. Überraschend sei vor allem das Bewusstsein über die Problematik von gezielter Bevorzugung noch unterrepräsentierter Schichten bei der Studienzulassung (Affirmative Action). Es heißt: „Minority students in the focus groups said they don’t want others to assume they are on campus only because of affirmative action.“

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Ein Beitrag macht im Chronicle of Higher Education noch einmal deutlich, wie U.S. News & World Report in ihrem jüngsten College Ranking mit dem Eingeständnis von Columbia University umgegangen sei, dass die für das Ranking gelieferten Daten nicht zuverlässig seien. Statt die Hochschule nicht zur bewerten habe man einfach einige Daten über den Daumen gepeilt: „In other words, the magazine made up data to keep a popular university in its rankings.“

 

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Die New York Times meldet die Entscheidung des als sehr konservativ geltenden U.S. Court of Appeals for the Fifth Circuit, dass das Programm Deferred Action for Childhood Arrivals (DACA), das Kinder von illegal in die USA gekommenen Eltern vor der Abschiebung schützt, keine legale Rechtsgrundlage habe. Das Programm sei aber durch diese Entscheidung nicht beendet worden, sondern es werde verlangt, dass es auf eine juristisch einwandfreie Grundlage gestellt würde.

 

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Ein Beitrag in der New York Times zitiert Zahlen aus einem in den Annual Reviews veröffentlichtem Paper zum Zusammenhang zwischen Bildung und Lebenserwartung in den USA, das ein in anderen hochentwickelten Industrieländern nicht so eklatanten Zusammenhang zeige, der wiederum in den USA derzeit vor allem von den Republikanern politisch ausgenutzt werde: „The Republican Party has become crucially dependent on a segment of white voters suffering what analysts call a ‘mortality penalty‘. This penalty encompasses not only disproportionately high levels of so-called deaths of despair – suicide, drug overdoses and alcohol abuse – but also across-the-board increases in several categories of disease, injury and emotional disorder.“

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

Sie finden das Paper hier.

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