25.07.2022
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Die Themen dieser Woche:
  • Was soll mit den Studienschulden passieren?
  • Erschwinglichkeit eines Hochschulstudiums in den USA
  • Kommt die „Great Resignation“?
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,
 
wir befassen uns in dieser Ausgabe mit der für 31. August anstehenden Entscheidung der US-Regierung, was aus dem gegenwärtig zum wiederholten Mal pausierten Dienst an den Bildungsschulden beim Bund werden soll, und mit der hinter dem Schuldenproblem unschwer erkennbaren Ziel nach besserer Erschwinglichkeit eines Hochschulstudiums in den USA. Wir werfen zudem einen Blick auf die Frage, ob dem „great disillusionment“ unter Hochschulangestellten und Fakultätsmitglieder infolge bzw. aus Anlass der Covid-Pandemie auch eine Flucht aus diesem Segment der Volkswirtschaft folgen könnte, und – wie immer – auf verschiedene Kurzmeldungen.
 
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre, Gesundheit, Geduld und Zuversicht.
 
 
Stefan Altevogt

Was soll mit den Studienschulden passieren?
Am 31. August läuft das aus Anlass von Covid-19 eingerichtete föderale Moratorium zur Bedienung von Studienschulden aus und einem Beitrag auf Inside Higher Education zufolge habe sich das Bildungsministerium noch nicht dazu geäußert, wie es am 1. September weitergehen solle. Es heißt: „If the pause is not extended, 45 million borrowers will have to begin making payments on their federal student loans after a break of over two years.“
Sei die jüngste Vergangenheit allerdings ein verlässlicher Indikator, so könne man von einer dann siebten Verlängerung des Moratoriums ausgehen, denn derzeit sei das Bildungsministerium in Kontakt mit den die Schulden abwickelnden Organisationen und eine solche Kontaktaufnahme habe eben in der Vergangenheit zu einer Verlängerung der Schulden-Pause geführt. Es heißt: „According to Scott Buchanan, executive director of the Student Loan Servicing Alliance, which works with loan servicers who oversee 95 percent of all federal student loans, in recent communications between servicers and the Education Department, which Buchanan said happened over the phone, some loan servicers have been told to hold off on sending billing statements to borrowers.“
Der Beitrag kritisiert, dass die Schuldner bislang vom Bildungsministerium im Dunkeln gelassen worden seien und sich derzeit noch auf zwei Szenarien einstellen müssten, von denen eines deutlich weniger beliebt sei. Der Beitrag weist aber auch darauf hin, dass vor einer Wiederaufnahme des Schuldendienstes die Schuldner wenigstens sechs Mal vom Bildungsministerium hören müssten und dass darum keine Nachricht erst einmal eine gute Nachricht sei. Dennoch zitiert der Beitrag einen Mitarbeiter des vom Pew Charitable Trust getragenen Student Borrower Success Project mit den Worten: „Communication is absolutely key, because the pause has gone on for so long, because so many deadlines have come and gone, because so much has happened with student loans during these last two years. Borrowers have gotten a lot of different messages, and they need clear and really actionable communication about when the pause is going to end and when they will have to repay their student loans.”
Entscheidend für den Ausgang der Schuldenkrise sei allerdings nicht so sehr das Moratorium, sondern die politische und im Hinblick auf die im November anstehenden Midterm Elections relevante Frage, wie Präsident Biden mit dem Wahlversprechen nach einer Entlastung der Schuldner umgehen werde. Seitens zahlreicher Parlamentarier der Demokraten und zahlreicher Interessensvertretungen sei der Druck groß, wenigstens zum Wahlversprechen zu stehen, bei Jahreseinkommen unter $150.000 pro Schuldner $10.000 zu erlassen. Dies erscheine angesichts der Forderung prominenter Demokraten wie Elizabeth Warren, Chuck Schumer oder Raphael Warnock, die eine Stundung von $50.000 pro Schuldner anregten, und im Hinblick auf die wachsende Staatsverschuldung, die Inflationsrate und die steigenden Zinsen noch vergleichsweise verantwortungsbewusst, selbst wenn in Meinungsumfragen eine Entlastung der Schuldner bei Anhängern beider Parteien populär sei. Dazu heißt es: „Debt relief is popular among voters. A May survey showed that one in five voters support broad-based cancellation, and among young voters, support is even stronger, with 71 percent of voters under 34 supporting some form of loan cancellation, including 56 percent of young Republican voters.“
Ob allerdings die Entscheidung bei oder gar allein bei der Regierung liege, sei juristisch nach Ansicht der Opposition wohl noch nicht geklärt. Dazu heißt es: „Republican lawmakers have increasingly tried to throw a wrench in the department’s plans to cancel student debt by asserting that the Biden administration cannot use executive authority to enact widespread debt cancellation.“
 
Sie finden den Beitrag hier.
Erschwinglichkeit eines Hochschulstudiums in den USA
Eines der wichtigsten Argumente, mit der Lösung der Studienschuldenfrage zu warten, seien die hohen Kosten von Hochschulbildung in den USA, die fehlende Erschwinglichkeit also, die es überhaupt dazu habe kommen lassen, dass zur Finanzierung des Studiums beträchtliche Schulden aufgenommen würden. Der Chonicle of Higher Education nennt dies in einem Beitrag „The College-Affordability Conundrum“ und schreibt: „A recent survey of people’s attitudes on student-loan forgiveness revealed overwhelming support for something that’s often seen as an even deeper issue: making college more affordable.“
Die zitierte und vom öffentlichen Rundfunk in den USA (NPR) gemeinsam mit dem Institut Publique de Sondage d'Opinion Secteur (IPSOS) durchgeführten Umfrage zeige eine noch höhere öffentliche Zustimmung zu einer Entlastung der Schuldner als die oben zitierten Meinungsumfragen, sie zeige aber auch, dass die Befragten durchaus ein Bewusstsein davon hätten, warum Schulden im gegenwärtigen Umfang überhaupt anfallen würden. Es heißt: „Eighty-two percent of the roughly 1,000 survey respondents said the government should make bringing down the cost of college a priority. Student-loan borrowers felt the same: Nearly 60 percent of that group said the government should focus on making college more affordable for future students.“
Der Beitrag enthält eine sehr aussagekräftige Grafik zur inflationsbereinigten Entwicklung der Studienkosten in den drei wesentlichen Sektoren der Landschaft, also private non-profit, public 4-year (wobei hier immer auf die in-state tuition geschaut wird, das also, was Landeskinder zahlen müssen) und public 2-year (auch hier der Fokus auf Studierende aus den Distrikten) über die vergangenen drei Jahrzehnte. Während bei den 2-jährigen Community Colleges die inflationsbereinigten Studienkosten weitgehend konstant geblieben sind und sich auf zuletzt $3.800 pro Jahr belaufen haben, sind sie bei den öffentlich finanzierten vierjährigen Colleges von $4.160 im Studienjahr 1991/92 auf zuletzt $10.740 gestiegen, bei den privaten vierjährigen Colleges von 19.360 auf zuletzt $38.070. Allerdings, und darauf hinzuweisen würden die privaten Colleges nicht müde, handele es sich hier um die Aufdrucke auf den Preisschildern (Sticker Prices) und nicht um die tatsächlich gezahlten Studienkosten. Dazu heißt es: „Private nonprofit colleges (...) have worked especially hard to persuade families that the sticker price isn’t necessarily what they will actually pay. Such colleges offer tuition discounts to entice students to enroll. In the 2020-21 academic year, the average tuition-discount rate for first-time undergraduates was 54.5 percent, a record high according to data from the National Association of College and University Business Officers.“
Insgesamt wachse aber in den USA der politische Druck, wenigstens einen Teil der tertiären Bildung grundsätzlich von Studienkosten zu befreien und laut der Campaign for Free College Tuition hätten mittlerweile 30 Bundesstaaten eine Variante eines „free-college program, mostly at community and technical colleges“.
 
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Kommt die „Great Resignation“?
In den vergangenen Wochen war in der Fachpresse viel von der „Great Resignation“ zu lesen, der Vermutung, dass ein erheblicher Anteil der Mitarbeitenden und Fakultätsmitglieder an US-Hochschulen die Covid-Pandemie und ihre Auswirkungen zum Anlass nehmen würden, sich nach Erwerbsmöglichkeiten in anderen Sektoren der Wirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung umzusehen.
Der Chronicle of Higher Education zitiert jetzt in einem Beitrag zu den gegenwärtigen Personalsorgen an US-amerikanischen Hochschulen Zahlen einer von der College and University Professional Association for Human Resources (CUPA-HR) unter mehr als 3.800 ihrer Mitgliedern im Mai durchgeführten Umfrage, der zufolge sich 35% entweder wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich im kommenden Jahr nach einem neuen Job umsehen wollten. Weitere 22% schätzten ihre persönliche Bereitschaft zu einer beruflichen Umorientierung oder einem Job-Wechsel innerhalb der Hochschullandschaft (die Frage war nur, ob man sich einen neuen Job suchen, nicht, ob man sich aus der Hochschullandschaft wegbewerben wolle) als „somewhat likely“ ein. Es heißt zum Grundtenor der Umfrageergebnisse: „The results of the CUPA-HR survey, and another one recently conducted by The Chronicle, serve as yet another reminder that colleges are facing large-scale dissatisfaction within their work forces.“
Als Hauptgründe für die Unzufriedenheit wurden bei möglicher Mehrfachnennung in 76% der Fälle die gegenwärtige Einkommenssituation genannt, in 43% der Fälle der Wunsch, „remote“ zu arbeiten, in 32% der Fälle der Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten und in 30% der Fälle der Wunsch nach beruflichem Aufstieg. Hier könnte der Druck auf die Hochschulen steigen, ihren Angestellten gegenüber attraktiver zu werden, denn: „Campus staff members’ reasons for considering an exit are fairly clear-cut – and familiar. Two-thirds said they sought a salary increase, and remote-work opportunities and flexible schedules were also high on their wish lists.“
 
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Die im Beitrag zitierte Umfrage des Chronicle ist mit „The Great Disillusionment“ überschrieben. Sie finden sie hier.
Kurznachrichten
Der Chronicle of Higher Education meldet geplante Änderungen im „Loan Forgiveness Program“ des US-amerikanischen Bildungsministeriums, das bislang vor allem Angestellten im öffentlichen Dienst zugute komme, aber viel zu kompliziert angelegt sei, so dass die Förderungszahlen im Programm bislang nur sehr gering seien. Mit den geplanten Änderungen sollten zum einen Hürden beseitigt, zum anderen auch Lehrbeauftragte an Hochschulen antragsberechtigt werden. Es heißt: „If approved, one change would allow contingent faculty members – part-time and full-time instructors who aren’t on the tenure track, including adjuncts – to qualify for the program by working at least 30 hours a week for qualified employers, including public and nonprofit colleges.“
 
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Inside Higher Education meldet einen Anstieg von kriminellen Angriffen mit „Ransomware-Attacken“ auf US-Hochschulen, die in fast Dreiviertel aller Fälle „erfolgreich“ in dem Sinne gewesen seien, dass die Hochschulen Lösegeld für die Wiederherstellung ihrer elektronischen Arbeitsfähigkeit gezahlt hätten. Es heißt zu den Konsequenzen dieser im Vergleich zu anderen Sektoren hohen Erfolgsquote der Erpressungsversuche: „Hackers’ efforts in other sectors were not as fruitful, including in business, health care and financial services, where respectively 68 percent, 61 percent and 57 percent of attacks succeeded. For this reason, cybercriminals may view colleges and universities as soft targets for ransomware attacks, given their above-average success rate in encrypting higher education institutions’ data.“
 
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Mit einem Fokus auf den globalen Süden hat die UNESCO Zahlen zu internationalen Finanzhilfen für den Bereich der tertiären Bildung veröffentlicht, die sich zwischen 2002 und 2019 auf $5,3 Mrd. verdoppelt hätten. Es heißt: „Nearly 35%-40% of annual tertiary education aid has targeted Asia and the Pacific. China was the largest recipient with 8% of the total HE [Higher Education] aid in 2019. The largest donors are Germany and France.“
 
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Das National Center for Science and Engineering Statistics (NCSES) der National Science Foundation (NSF) hat mit dem „National Survey of College Graduates: 2017” die jüngste Ausgabe ihres alle zwei Jahre vorgelegten Überblicks darüber veröffentlicht, in welchen Bereichen Absolventen US-amerikanischer Hochschulen beruflich unterkommen und – unter anderem – auch, welche Einkommen sie erzielen.
 
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Der Chronicle of Higher Education berichtet von einer interessanten juristischen Auseinandersetzung um die Besitzrechte an einem von vermuteten sechs Original-Kostümen, die von Judy Garland bei den Dreharbeiten zu „The Wizzard of Oz“ getragen wurden und von denen eines vor nicht allzu langer Zeit für $1,5 Mio. versteigert wurde. Das im Beitrag relevante Kostüm war dem Chair des Theater Departments der Catholic University in Washington, DC geschenkt und dort lange in einer Vitrine ausgestellt worden, dann nach dem Tod des Chair für mehrere Jahre innerhalb der Hochschule unauffindbar gewesen und sei nun wiederaufgetaucht. Eine Erbin des verstorbenen Chairs habe jetzt mit Verweis auf Eigentumsrechte die Versteigerung des Kostüms zu Gunsten der Hochschule erst einmal verhindert und nun müsse geklärt werden, wem es gehöre. Wirklich interessant ist der Fall dadurch, dass der verstorbene Chair Priester des Dominikaner-Ordens war und als solcher ein Armutsgelübde abgelegt, also auf alle privaten Eigentumsrechte verzichtet hat. Das Gericht muss nun entscheiden, ob etwas, was einem nie gehört hat, in den Besitz eines Erben übergehen kann und auch, ob ein Geschenk an einen Department-Chair grundsätzlich ein persönliches Geschenk sein kann oder ein Geschenk an die Institution sein muss.
 
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