Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada. | |
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Die Themen dieser Woche:
- Top Stories in American Higher Education, Teil 1
- US-Hochschulen und die Krisenkommunikation
- Streit um DEI an Hochschulen in Wisconsin dauert an
- Kurznachrichten
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Liebe Leserinnen und Leser,
wir befassen uns dieser Ausgabe mit den nach Ansicht von Robert Kelchen Top Stories des ausgehenden Jahres in der amerikanischen Hochschullandschaft und mit dem Thema Krisenkommunikation. Wir werfen zudem einen Blick auf einen Streit im US-Bundesstaat Wisconsin um die Grenzen politischer Einflussnahme auf öffentlich grundfinanzierte Hochschulen und – wie immer – auf verschiedene Kurznachrichten.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.
Herzliche Grüße,
Stefan Altevogt
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Top Stories in American Higher Education, Teil 1 | |
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Im „David Letterman style“ von unten nach oben geht Alex Usher von Higher Education Strategy Associates (HESA) gemeinsam mit Robert Kelchen durch die „Top Ten Stories in American Higher Education for 2023“.
Kelchen ist Professor an der University of Tennessee und dort Leiter des Department of Educational Leadership and Policy Studies. Er nennt auf Rang zehn die Bedeutung von College Sport für US-amerikanische Hochschulen und führt aus, dass es auf der einen Seite der Landschaft rund 100 Hochschulen mit großen und umsatzstarken Sportprogrammen gäbe, von denen die 20 umsatzstärksten zusammen $150 Mio. pro Jahr ausgäben, Texas A&M University den Football-Trainer mit einem $70 Mio.-Handshake entlassen habe und an der University of Southern California (USC) ein aus Swarovski-Kristall gefertigter Football-Helm in einer Vitrine stünde. Die sich hier aufdrängende Frage laute: „What kind of university is this exactly?” Auf der anderen Seite würden die Summen ja nicht öffentlich finanziert, sondern durch Fernsehgelder und Alumni, und wenn man sich frage, ob nicht wenigstens die Spenden der Alumni auch für stärker bildungsbezogene Zwecke eingesammelt werden könnten, dann laute die Antwort: „Probably not that much.“ Am anderen Ende des Hochschulsports stünden die allermeisten Hochschulen, die interessante Programme für ihre Studierenden anbieten und auch dadurch möglichst attraktiv sein wollten. Es heißt: „So instead of thinking about the gigantic offensive linemen at the big ten institutions, think of 169-pound [76 kg] freshman playing sprint football, which is the newest craze for institutions trying to get male students.”
Auf Platz neun folgen mögliche Antworten auf die Frage, warum sich derzeit die Suche nach einer neuen Hochschulleitung schwierig gestalte, weil sich niemand mehr zu den angebotenen Gehältern dem permanenten und oft in verschiedenste Richtungen zielenden Druck seitens Politik, Alumni, Fakultäten und Studierenden aussetzen wolle. Kelchen schreibt: „We’re not at football coach level salaries for presidents but leaders are taking on risk in doing these positions, and they want to be compensated for it.”
An achter Stelle nennt Kelchen die politische Unterstützung und damit auch Grundfinanzierung der Hochschulen in einigen Bundesstaaten. Obgleich sich aus Angriffen auf das als liberal und vom „wirklichen Leben“ isoliert verschriene Academia politisches Kapital schlagen lasse, sei die finanzielle Unterstützung in den vergangenen zehn Jahren erfreulich gut gewesen und das nicht nur in von den Demokraten regierten Bundesstaaten: „Many of the conservative states have put a lot of money in public higher ed over the last several years.“ Ja, es gäbe auch Beispiele wie das aus Wisconsin (siehe Beitrag weiter unten), wo die Grundfinanzierung als politisches Druckmittel gegenüber Hochschulen benutzt worden sei, und es gäbe das fortdauernde Problem, dass öffentlich finanzierte Hochschulen ihre Studiengebühren in den allermeisten Fällen nicht selbst festlegen könnten. Die Folge sei eine starke Abhängigkeit von der politisch kontrollierten Grundfinanzierung. Es heißt: „With inflation being what it has been, even these increases in state funding have not covered the increase in operating costs.”
Auf Rang sieben folgt das New College of Florida [wir berichteten in der vergangenen Ausgabe in einem Beitrag zur Politisierung von Hochschulen in den USA], das von einem kleinen, verschlafenen Liberal Arts College mit 700 Studierenden derzeit zu einem „War on Woke“-Flaggschiff der Regierung unter Ron DeSantis aufgetakelt werde, an dem der Hochschulrat die Studieninhalte bestimme und das auch durch ein riesiges Programm für Hochschulsport um mediale Aufmerksamkeit buhle. Kelchen ist verhalten skeptisch, ob das New College mehr als nur ein Teil des Wahlkampfs von DeSantis sei und ob es in der Tat seine Ziele erreichen könne. Kelchen schreibt: „It’s not clear that what’s going on now (...) and we’ll see if they’re able to get competent leadership so they can provide the high-quality education that they’re looking for.”
An sechster Stelle nennt Kelchen die Rolle der US-Bundespolitik für die Hochschullandschaft und hier die bereits unter Obama begonnene Strategie, den Erfolg von Colleges und Universitäten an „gainful employment“ zu messen, also den Nachweis zu verlangen, dass mit dem erworbenen Abschluss die aufgelaufenen Studienschulden auch bedient werden könnten. Hier habe es unter Trump Rückschläge gegeben, doch die Biden-Administration habe wieder gegengesteuert, freilich bislang nur gegenüber Programmen an gewinnorientierten Hochschulen und bei bestimmten „certificate programs“ an öffentlichen und privaten, gemeinnützigen Einrichtungen. Würde man – wie von Republikanern oft gefordert – die gainful employment rules flächendeckend und auch bei den Graduate und Professional Programmen zur Geltung bringen, dort wo derzeit 20% aller Studierenden eingeschrieben seien und wohin 50% der föderalen Studienbeihilfen flössen, würden vermutlich auch ganz andere Hochschulen ins Fadenkreuz des Bildungsministeriums geraten. Er schreibt: „I’m really fascinated to see what happens when some really expensive prestigious master’s programs, for example, the crystal football making program USC [siehe oben], when they get their failing grade from the Department of Education. (...) Harvard had to end up closing a certificate program in theater at the graduate-level because their outcomes were exposed as being just so terrible.”
Sie finden den Beitrag hier.
In der kommenden Ausgabe (wenn das dritte Kerzlein brennt) dann der Blick auf die Plätze fünf bis eins.
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US-Hochschulen und die Krisenkommunikation | |
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Als liberale Bastionen sollten prominente US-Hochschulen eigentlich daran gewöhnt sein, von konservativer Politik attackiert zu werden und entsprechend professionell und möglicherweise auch elegant auf Kritik zu reagieren. Der Auftritt der Präsidentinnen des Massachusetts Institute of Technology (Sally Kornbluth), der University of Pennsylvania (Elizabeth Magill) und von Harvard University (Claudine Gay) bei einer Parlamentsanhörung des Repräsentantenhauses hat es allerdings nicht nur prominent in die Satiresendung Saturday Night Live geschafft, sondern (auch in der deutschen Presse zu lesen) zu ersten Rücktritten geführt. Bemerkenswert ist, dass bereits im Vorfeld der Anhörung laut New York Times klar abzusehen gewesen sei, wie konfrontativ die Anhörung sein würde, denn mit der republikanischen Abgeordneten Elise Stefanik habe auf die Präsidentinnen nicht nur eine der treuesten Anhängerinnen von Ex-Präsident Trump gewartet, sondern auch jemand, die für ihre Breitseiten gegen die ihrer Ansicht nach „woken“ Hochschulen bekannt sei.
Aus dem Wortlaut der Anhörung zitiert die Zeitung zu Beginn des Beitrags die folgende Passage: Stefanik: „Does calling for the genocide of Jews violate Harvard’s rules on bullying and harassment?“ Die Antwort von Gay: „It can be, depending on the context.” Daraufhin sofort wieder Stefanik: „What’s the context?“ Gay: „Targeted at an individual,” und wieder Stefanik: „It’s targeted at Jewish students, Jewish individuals.” Die Wortwechsel mit den beiden anderen Hochschulpräsidentinnen seien ähnlich konfrontativ verlaufen.
Eigentlich hätte niemand von der auch internationalen Aufmerksamkeit überrascht sein dürfen, die die Parlamentsanhörung mit sich bringen würde, und doch hätten die geladenen Hochschulpräsidentinnen vor allem nach innen kommuniziert und nicht nach außen. Es heißt zu den Wellen: „The moment on Tuesday afternoon went viral, racking up tens of millions of views on social media (the Israeli government even reposted a clip of the hearing) and forcing the presidents to issue statements attempting to clarify their responses amid calls for their resignations. The fallout continued on Thursday, as Penn’s board of trustees spent the day on an emergency conference call with Ms. Magill and public criticism continued to rain down on all three presidents.”
Sie finden den Beitrag hier.
In einem Kommentar für die New York Times spricht Michelle Goldberg davon, dass die drei Hochschulpräsidentinnen in eine Falle getappt seien, und schreibt: „All three presidents (...) acquitted themselves poorly, appearing morally obtuse and coldly legalistic. It was a moment that seemed to confirm many people’s worst fears about the tolerance for Jew hatred in academia.” Es sei nicht klar, ob die drei Präsidentinnen die Folgen der Anhörung politisch überstehen würden, was allerdings als Folge der schlechten Krisenkommunikation klar werde, erinnere Goldberg an unselige Zeiten des House Un-American Activities Committee. Sie schreibt: „Whatever happens, we’re likely to see a crackdown on many forms of pro-Palestinian expression.“
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Es war aber wohl nicht so, dass die drei Hochschulen ohne professionelle Vorbereitung in die Anhörung gegangen sind. Die New York Times widmet sich in einem weiteren Beitrag der Vorbereitung der drei Hochschulleitungen durch „one of America’s best known white-shoe law firms, WilmerHale“ und schreibt: „The schools each independently hired WilmerHale, and the firm created separate teams to prepare each president. The firm already had ties with all three schools. A spokeswoman for the firm declined to comment.” Das Missverständnis auf beiden Seiten des Beratungsvertrags sei wohl gewesen, dass es sich bei der Anhörung nicht um ein Gerichtsverfahren gehandelt habe, bei dem an den Einlassungen der Hochschulleitungen wenig auszusetzen gewesen wäre, sondern um eine öffentliche Veranstaltung, bei der die Vision der Hochschule und ihre Werte hätten kommuniziert werden sollen.
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Gegenüber dem Harvard Crimson, der Hochschulzeitung von Harvard, so eine Meldung der New York Times, habe sich Claudine Gay inzwischen dafür entschuldigt, dass ihre Worte nicht den gewünschten Effekt gehabt hätten. Sie wird mit den Worten zitiert: „“I am sorry, words matter. When words amplify distress and pain, I don’t know how you could feel anything but regret.”
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In einem Kommentar für die New York Times schreibt die auch für ihren häufig polemischen Stil bekannte Maureen Dowd: „It’s hard to be on Stefanik’s side, given that she epitomizes the grotesque transformation of the Republican Party to an insane Trump cult, but she was right to pin down the prevaricating presidents.”
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Streit um DEI an Hochschulen in Wisconsin dauert an | |
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Inside Higher Education meldet das scheinbare Ende eines seit fast sechs Monate schwelenden Streits zwischen der öffentlich grundfinanzierten University of Wisconsin (UW) und dem Gesetzgeber des US-Bundesstaats, der im Gegenzug zu finanziellen Zusagen im Umfang von $800 Mio. von der UW einen weitgehenden Verzicht auf Maßnahmen zur Förderung von „Diversity, Equity and Inclusion (DEI)“ verlangt habe. Im Prinzip hätten sich Präsident und Kanzler der UW mit dem republikanisch dominierten Parlament auf wesentliche Grundzüge geeinigt gehabt, darunter eine auf drei Jahre ausgelegt Obergrenze für Einstellungen im Bereich DEI, eine Umbenennung und Neudefinition der Aufgaben von einem Drittel der DEI-Mitarbeitenden, die enger mit dem Erfolg der Studierenden verbunden sein sollten, ein dreijähriger Einstellungsstopp für alle neuen Verwaltungsangestellten im gesamten System, die Abschaffung eines Programms zur Diversifizierung der Fakultäten, der Verzicht auf DEI-Bekenntnisse in allen Bewerbungsverfahren, die Einrichtung eines neuen Stiftungslehrstuhls am Flaggschiff-Campus in Madison, der sich mit konservativem Wirtschaftsdenken und klassischem Liberalismus befassen solle und eine Studienplatzgarantie für die besten 10% der Absolventen öffentlich finanzierter Oberschulen (am Flaggschiff in Madison für die besten 5%).
Der ausgehandelte Kompromiss hätte nur noch vom Board of Regents abgesegnet werden müssen und im Vorfeld sei auch von der Zustimmung ausgegangen worden. Doch zwischen Ende der Verhandlungen und Abstimmung hätte sich unter Einfluss von Interessensgruppen die Stimmung geändert und das Board habe mit 9 zu 8 Stimmen die Vereinbarung mit dem Geldgeber abgelehnt. Es heißt: „In a shocking turn of events, the board rejected the proposal 9 to 8, leaving over $800 million on the table and the future of the system’s DEI offices in limbo. The board also voted not to table the vote for further discussion, effectively killing the deal.”
Die republikanische Mehrheit im Parlament sei nun auch erst einmal beleidigt und habe in einer Erklärung zum Ausdruck gebracht, man halte es für eine Schande, den Angestellten der UW Gehaltserhöhungen und dem System insgesamt Investitionen in Höhe von fast $1 Mrd. aus ideologischen Gründen zu verweigern. Es heißt in der Erklärung: „It’s a shame they’ve denied employees their raises and the almost $1 billion investment that would have been made across the UW system, all so they could continue their ideological campaign to force students to believe only one viewpoint is acceptable on campus.”
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Auch in der New York Times machten die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie Schlagzeilen und es heißt in einer Meldung: „The math performance of U.S. teenagers has sharply declined since 2018, with scores lower than 20 years ago, and with American students continuing to trail global competitors, according to the results of a key international exam released on Tuesday.” In der ersten international vergleichenden Studie seit Covid-19 hätten 15-Jährige in den USA schlechter abgeschnitten als ihre Peers in vergleichbaren industrialisierten Demokratien wie dem Vereinigten Königreich, Australien oder Deutschland und deutlich schlechter als in den leistungsstärksten Ländern wie Singapur, Südkorea und Estland.
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Der Chronicle of Higher Education befasst sich in einem Beitrag mit der Frage: „Why Faculty Members are Fleeing Florida” und nennt Zahlen aus einer Untersuchung der öffentlich finanzierten Hochschulen in Florida, die vom Investigative Reporting Workshop an der American University zusammengetragen worden seien. Es heißt: „Nine of the [12 institutions in the State University System of Florida] saw a significant spike in faculty resignations in 2022. The University of Florida saw a 20-percent increase in tenured and tenure-track faculty resignations (391 total) from 2021. At Florida State, 136 faculty members resigned in 2022, up 28 percent from the prior year. Faculty losses from Florida International University, in Miami, including both retirements and resignations, rose from 82 in 2021 to 97 in 2022.”
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Inside Higher Education meldet die die Verschärfung einer Bestimmung zur Meldepflicht von finanziellen Zuwendungen aus dem Ausland an US-Hochschulen, die – wie wohl alle US-Hochschulen – Mittel aus dem US-Bundeshaushalt beziehen. Das Repräsentantenhaus habe mit 246 zu 170 Stimmen, also auch mit einigen Stimmen der Demokraten, mit dem Defending Education Transparency and Ending Rogue Regimes Engaging in Nefarious Transactions (DETERRENT) Act eine Ergänzung zum Higher Education Act of 1965 beschlossen, wonach nun die Meldepflicht für ausländische Mittel – gleichgültig ob Spenden oder Entgelt für Dienstleistungen – von zuletzt noch $250.000 auf nun $50.000 herabgesetzt sei, bei China, Russland, Iran und Nordkorea auf Beträge über $0. Hochschulen seien nun besorgt, dass sich der DETERRENT Act negativ auf die internationale Attraktivität von US-Hochschulen auswirken könne. Es heißt: „The American Council on Education and 17 other higher education groups opposed the bill, writing in a letter to House leadership that it was unnecessary and could curtail ‘international research collaboration and academic and cultural exchanges’.”
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