13.05.2024

Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.

Die Themen dieser Woche:

  • Studierendenproteste in den USA
  • Studienzulassung an den selektivsten US-Hochschulen
  • Anwendung von Artificial Intelligence (AI) an Hochschulen
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir befassen uns in dieser Ausgabe mit den gegen die Politik Israels gerichteten Studierendenprotesten in einem Teil der US-Hochschullandschaft und mit der Studienzulassung an den selektivsten Colleges dieser Landschaft. Wir werfen zudem einen Blick auf die Anwendung von Artificial Intelligence (AI) an Hochschulen und – wie immer – auf verschiedene Kurznachrichten.

 

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.

 

Herzliche Grüße,

 

Stefan Altevogt

Studierendenproteste in den USA

Die Studierendenproteste an Hochschulen in den USA sind derzeit dynamisch und betreffen laut jüngsten Zählungen des Chronicle of Higher Education derzeit mehr als 90 Einrichtungen, an denen Protestcamps eingerichtet oder „Sit-ins” mit dem Ziel abgehalten wurden, die jeweiligen Hochschulen zu einem Rückzug aus Investitionen in die Waffenindustrie und in Israel zu bewegen. Es mögen auch an weiteren Hochschulen andere Formen von Protesten zu sehen sei, die allerdings in der Übersicht nicht mitgezählt würden. Dazu heißt es: „The Chronicle is not including rallies, walkouts, and other contained events that aren’t sustained over at least one day.“

 

Sie finden die laufend aktualisierte Übersicht hier.

 

Die Redaktion der New York Times bezieht in einem Kommentar Stellung zu den Studierendenprotesten und betont auf der einen Seite das Recht der Studierenden, gegen Missstände in der Welt zu protestieren, auf der anderen Seite aber auch die Pflicht der Hochschulen, für einen regulären und möglichst störungsfreien Unterrichtsbetrieb zu sorgen. Das in der Verfassung verankerte Recht auf freie Meinungsäußerung schütze vor staatlichen Eingriffen in die Redefreiheit. Daher hätten Verantwortliche an öffentlichen finanzierten Hochschulen eine erhöhte Pflicht, diesen Schutz auch zu gewährleisten. Privat finanzierte Einrichtungen hätten zwar nicht dieselben rechtlichen Verpflichtungen, seien aber nicht von der Verantwortung entbunden, im Sinne eines Strebens nach Bildung einen offenen Dialog auf ihrem Campus zu fördern, wann und wo immer dies möglich ist.

Nun würden allerdings die Leitungen von Hochschulen derzeit gegenüber den protestierenden Studierenden eine falsche Haltung an den Tag legen und die Proteste der Studierenden ohne Konsequenzen lassen. Eine Haltung, die in der gegenwärtigen, unübersichtlichen und Nuancen erfordernden Wirklichkeit eigentlich nicht aufrechterhalten werden könne, in der es gelte, Redefreiheit und akademische Freiheit gleichermaßen zu schützen. Dazu bietet der Beitrag einen Blick zurück in die Geschichte: Die ersten Universitäten, die sich auf den Grundsatz der akademischen Freiheit berufen hätten, hätten dies getan, um die Einmischung und den Einfluss totalitärer Staaten und religiöser Eiferer*innen zu verhindern. Heute definiere die American Association of University Professors (AAUP) akademische Freiheit als „the freedom of a teacher or researcher in higher education to investigate and discuss the issues in his or her academic field, and to teach or publish findings without interference from political figures, boards of trustees, donors or other entities.”

Verhaltenskodizes für Studierende und andere Richtlinien, wie sie jeder Campus hätte, sollten das Verhältnis zwischen freier Meinungsäußerung und akademischer Freiheit entspannen und sicherstellen, dass die Hochschulen staatliche Vorschriften und Gesetze einhielten. Auf der anderen Seite sei es Sinn der Proteste, solche Regeln so zu brechen und die täglichen Abläufe so tiefgreifend zu stören, dass sie die öffentliche Aufmerksamkeit, wenn nicht gar Sympathie der Welt auf sich ziehen würden. Regeln seien wiederum nur dann von Bedeutung, wenn sie auch konsequent eingehalten werden könnten, und eben bei der Durchsetzung der Regeln versagten derzeit die Leitungen zu vieler Universitäten, bis hin zu einer Situation, in der sich jüdische Studierende systematisch schikaniert fühlten und andere Studierende bei der Nutzung von Hochschuleinrichtungen erheblich behindert worden seien. Hochschulen sollten in der Lage sein, ein gewisses Maß an Störung zu tolerieren, das zu jedem Protest gehöre. Umso wichtiger sei es aber, dass die Schulverwaltung energisch reagiere, wenn die zulässigen Grenzen der Meinungsäußerung überschritten würden.

An den Universitäten, an denen Präsenzveranstaltungen oder Eröffnungsfeiern abgesagt worden seien, hätten nun Studierende auf Teile dessen verzichten müssen, für das sie als grundlegende Universitätserfahrung an die Hochschule gekommen seien (und dafür bezahlt hätten). Durch die Unruhen und Gewalttätigkeiten der vergangenen Wochen und durch die fortgesetzte Beteiligung sowohl der Polizei als auch externer Agitatoren seien zuletzt sogar die Demonstrierenden selbst gefährdet gewesen.

Nicht nur das Funktionieren der Hochschulen und die Gewährleistung ihrer Freiheiten stünden derzeit auf dem Spiel. Vielmehr würden seit Jahren rechte Republikaner auf Bundes- und Landesebene Gelegenheiten suchen und auch finden, gegen die akademische Freiheit zu Felde zu ziehen, wobei der Vorwurf des Antisemitismus auf dem Campus als jüngstes Vehikel diene. Der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, nutzte dieses Vehikel jetzt für eine Gesetzesinitiative, um gegen Eliteuniversitäten vorzugehen. Das Repräsentantenhaus habe zuletzt einen Gesetzentwurf verabschiedet, der die Meinungsfreiheit auf ungeheuerliche Weise einschränken würde. Der Senat solle diesen Bestrebungen eine klare Absage erteilen, doch das Fehlen einer konsistenten und prinzipientreuen Führung an den Hochschulen sei es, was die Tore des Campus für diesen Zynismus überhaupt erst geöffnet habe. Es heißt: „For several years, many university leaders have failed to act as their students and faculty have shown ever greater readiness to block an expanding range of views that they deem wrong or beyond the pale. Some scholars report that this has had a chilling effect on their work, making them less willing to participate in the academy or in the wider world of public discourse. The price of pushing boundaries, particularly with more conservative ideas, has become higher and higher.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Sie finden die zitierte Definition von akademischer Freiheit durch die AAUP hier.

 

Das American Institute of Physics (AIP) meldet Bemühungen der republikanischen Mehrheitsfraktion im Repräsentantenhaus, föderale Forschungsförderung als mögliches Druckmittel einzusetzen, um vermeintlichem Antisemitismus an privat und öffentlich finanzierten Hochschulen entgegenzuwirken. Der Vorsitzende des House Science Committee, Frank Lucas (R-OK), wird mit den Worten zitiert: „Universities that can’t protect their students are not in compliance with their funding obligations through the National Science Foundation. As a part of the conditions of receiving taxpayer dollars through the NSF, universities must comply with Title VI of the Civil Rights Act, which prohibits discrimination on the basis of race, color, and national origin.”

 

Sie finden die Meldung hier.

Studienzulassung an den selektivsten US-Hochschulen

Die Zulassungspraxis an den in den Fokus republikanischer Bemühungen um größeren Einfluss auf die Hochschulen geratenen hochselektiven Colleges sind Gegenstand eines Gastbeitrags von Daniel Currell in der New York Times. Currell ist Rechtsanwalt und Hochschulberater, war zwischen 2018 und 2021 (also unter Trump) im US-amerikanischen Bildungsministerium tätig und sitzt im Board of Trustees des Gustavus Adolphus College (Acceptance Rate von 75%). Unter der Überschrift „This Is Peak College Admissions Insanity” beschreibt er, wie sich der Ansturm auf die begrenzte Anzahl der Studienplätze an den „Ivy-Plus-Schulen“ (die acht Mitglieder der Ivy League plus M.I.T., Duke, Chicago und Stanford) in den vergangenen 20 Jahren so dramatisch verschärft habe (nämlich von 175.000 Bewerbungen in 2002 auf 590.000 in 2022), dass selbst die Verantwortlichen in den Zulassungsstellen nicht mehr wüssten, was sie tun sollten, zumal ja nicht nur die Quantität der Bewerbungen gestiegen sei, sondern auch die Qualität der Bewerbenden. Er schreibt: „In 2002, the nation produced 134 perfect ACT scores; in 2023 there were 2,542. Over the same period, the United States – and beyond it, the world – welcomed a great many more families into the ranks of the wealthy, who are by far the most likely to attend an elite college. Something had to give.”

Als Erstes seien dann mit kartellrechtlichen Argumenten Bandagen eines bis dahin zivilisiert geführten Wettbewerbs mit weitgehend synchron ablaufenden Entscheidungsprozessen abgelegt worden, „early admission“-Angebote seien von der Ausnahme zur Regel geworden und seither machten die selektiveren Hochschulen weitgehend, was sie wollten. Schließlich sei mit der Entscheidung des Supreme Court gegen die Zulässigkeit von Affirmative Action im Zulassungsverfahren für Studienbewerber noch unklarer geworden, wie Hochschulen nun das Ziel von Diversität verfolgen würden. Alle diese Entwicklungen hätten gemeinsam, dass sie einer Handvoll hochselektiver Hochschulen nutzten und ihnen ermöglichen würden, dank ihrer Marktmacht die Unsicherheiten bei den jährlichen Auswahlentscheidungen zu verringern, wenn nicht gar auf Null zu drücken. Er schreibt: „But low uncertainty for elite colleges means the opposite for applicants – especially if they can’t pay the full tuition rate.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Ein Beitrag illustriert auf Inside Higher Education die Situation mit den Worten: „It’s no secret: our system of elite college admissions is deeply flawed. It’s exploited by the affluent and well-connected. It’s utterly opaque, arbitrary and unpredictable. And worst of all, it increasingly damages and distorts applicants’ lives and aspirations and mental health.” Eine Lösung des Problems könnte auf zwei Wegen erfolgen, von denen einer klar im Einflussbereich der Studienbewerbenden lägen, nämlich zu realisieren, dass der Gral eines Studienplatzes an einer Eliteeinrichtung gar nicht so heilig sei und ein Studium an einem der etwas weniger selektiven Colleges ebenfalls beruflichen und persönlichen Erfolg mit sich bringen könne.

Die zweite Dimension, in der Veränderungen erreicht werden müssten, sei dann allerdings eine politische bzw. gesellschaftliche, nämlich eine gerechtere Verteilung von Ressourcen für Bildung und Hochschulen, damit zum einen mehr Kinder zu vielversprechendem Talent heranwachsen könnten und zum anderen auch abseits der „Ivies“ eine qualitativ ansprechende Hochschullandschaft geschaffen bzw. erhalten würde. Es heißt mit Blick auf den Bundesstaat Kalifornien: „The California Master Plan for higher education had its good side – a goal of expanded access to postsecondary education – but also a more problematic side: clearly defined tiers. Even in California, the UC tier hasn’t expanded commensurate with the growth of the state’s population, and many other states, including my own, haven’t done nearly enough to equalize resources across their research universities.”

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

Anwendung von Artificial Intelligence (AI) an Hochschulen

In seinem Blog „One Thought to Start Your Day” geht Alex Usher von den Higher Education Strategy Associates (HESA) der Fragen nach, ob die kanadischen Hochschulen bezüglich der Anwendung neuer, von Künstlicher Intelligenz getriebener Technologien zu wenig ambitioniert seien. Er fragt: „Are We [in Canada] Lacking AI-mbition?” Er verweist auf Beispiele im Ausland, auf eine bislang zwar noch folgenlos gebliebene Ankündigung der Arizona State University einer Partnerschaft mit OpenAI ab Anfang 2024 und auf tatsächliche „early adopters“ wie die Hong Kong University of Science and Technology, die damit begonnen habe, künstlich generierte „Akademiker“ einzuladen, um Studierende zwischen den Unterrichtsveranstaltungen wirklich lebender Dozent*innen zu unterrichten. Immer mehr Institutionen, wie viele etwa in den USA Harvard University, University of Michigan, Washington University, University of California (UC), Irvine und UC San Diego, würden mit der Entwicklung ihrer eigenen ChatGPT-ähnlichen Tools für Lehrkräfte, Mitarbeitende und Studierende beginnen, aber in Kanada sähe man abseits des bloßen Reagierens auf die neuen technologischen Möglichkeiten noch kaum Versuche, proaktiv den Weg zu weisen. Er schreibt: „Are Canadian institutions lacking ambition? Or maybe are they lacking incentives and resources? In its recently released 2024 budget, the Government of Canada announced a $2.4 billion investment on AI to ‘strengthen Canada’s AI advantage’. Great news, it seems. However, from what we can tell so far, none of it is directly targeted towards the higher education sector – or at least, any implications are yet to be elaborated upon. How can we expect already stretched out institutions to become innovative and creative with AI, when we don’t give them the means to?”

Es gäbe ausreichend Beispiele für die Integration von AI in die Hochschulen. Malaysia habe etwa seine Universitäten dazu gedrängt, neue Studiengänge in AI-bezogenen Bereichen einzuführen und auch die Lehrpläne grundlegend zu ändern. Südkorea stelle speziell für neue AI-bezogene Studiengänge zusätzliche Mittel zur Verfügung, Schweden habe dies auf der Master-Ebene getan. Schweden, Frankreich und Deutschland hätten in ihren Strategien für künstliche Intelligenz größere Summen für eine entsprechende Qualifizierung vorgesehen, ebenso wie Singapur, das auch ein Programm für die Ausbildung im Bereich KI entwickelt habe. Mit anderen Worten: Viele Länder hätten die Notwendigkeit erkannt, postsekundäre Einrichtungen insgesamt für die Verbreitung neuer Fähigkeiten zu nutzen, statt nur Geld auf einige wenige Eliteforschungsinstitute zu konzentrieren und auf das eine oder andere Einhorn zu hoffen. Er schreibt: „Any institution wanting to instantly become the country’s top Canadian AI institution need only be the first to tell all of its departments that as they go through regular departmental reviews, they will be required to show how AI-relevant skills are being added to the curriculum. It’s no big deal, really: curricula change all the time. But being the first institution to systematically collect data on changing AI skill use in the economy AND use it in a systematic way to feed the curricula review process? That would be a big deal. Someone should try it.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

Kurznachrichten

Ein Beitrag auf Inside Higher Education zitiert Ergebnisse einer von der National Association of Student Financial Aid Advisors (NASFAA) durchgeführten Umfrage unter ihren Mitgliedern und schreibt, dass mehr als die Hälfte der Befragten so unzufrieden mit ihren Jobs seien, dass sie sich innerhalb des kommenden Jahres nach beruflichen Alternativen umschauen wollten. Es heißt: „The report found the most common reason for wanting to change jobs was ‘pay and workforce flexibility‘.” Diese schlechten Nachrichten kämen nach einem zermürbenden Jahr für die Student Financial Aid Advisors, die die Hauptlast der katastrophalen Einführung des neuen Formulars Free Application for Federal Student Aid (FAFSA) durch das Bildungsministerium zu tragen gehabt hätten.

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Ein Beitrag in Nature spricht von „hunger on campus“ unter PhD-Studierenden und zitiert eine 2021 veröffentlichte Studie, der zufolge 42 % der Undergraduate-Studierenden in den USA nicht in der Lage seien, sich angemessen zu ernähren, und selbst an Harvard University 17 % der 1.287 befragten Doktoranden und 13 % der 458 Postdoktoranden von Ernährungsunsicherheit betroffen seien.

 

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Inside Higher Education meldet die Absicht der Präsidentin von Cornell University, Martha E. Pollack, Ende Juni von ihrem Amt zurücktreten zu wollen. Es heißt: „The relatively short notice, which is unusual for college leaders, was certain to prompt speculation that Pollack, like some of her peers at Ivy League and other highly selective institutions, had lost the support of her bosses on the Board of Trustees and other key constituents. An alumni group had cropped up at the university in recent months that has regularly taken shots at Pollack and called on trustees to replace her.“

 

Sie finden die Meldung hier.

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