Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada. | |
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Die Themen dieser Woche:
- Stanford oder Ball State University?
- Englischer Blick auf US-Hochschulen
- Lassen sich 40 Mio. Studienabbrecher noch erreichen?
- Kurznachrichten
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Liebe Leserinnen und Leser,
wir befassen uns in dieser Ausgabe mit der Frage, ob sich für viele Hochschulen eher ein Vergleich mit Stanford University anbietet oder mit Ball State University und mit einem Blick von Times Higher Education auf die derzeit auch politisch schwierige Lage US-amerikanischer Hochschulen. Wir werfen zudem einen Blick auf die gut 40 Mio. Studienabbrecher in den USA und – wie immer – auf verschiedene Kurznachrichten.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.
Herzliche Grüße,
Stefan Altevogt
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Stanford oder Ball State University? | |
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Würde man in Hochschulpräsidien eine Umfrage durchführen, mit welcher anderen Hochschule die jeweils eigene zu vergleichen wäre, würde Stanford University wahrscheinlich häufiger genannt werden als Ball State University. Ball State taucht vielleicht auf, wenn man die Alma Mater von David Letterman sucht, aber ansonsten führt sie mit ihren gut 20.000 Studierenden, einem Jahresetat von $220 Mio. und einem Stiftungsvermögen von $213 Mio. (Angaben laut Wikipedia) ein recht unscheinbares Dasein in Muncie, Indiana.
In seiner Kolumne „One Thought to Start Your Day” verweist Alex Usher von den Higher Education Strategy Associates (HESA) auf zwei Darstellungen des Narrativs von Stanford und ihrer Bedeutung als innovationsgetriebener Wirtschaftsmotor, nämlich „Regional Advantage” von Annalee Saxenian und „Creating the Cold War University: The Transformation of Stanford“ von Rebecca Lowen. Vor diesem Hintergrund erläutert der dann als Beispiel eines viel normaleren Falls, wie Ball State University die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Region vorangetrieben habe, und er schreibt: „If you’re like most people, you’ve probably never given a lot of thought to the history of Ball State University in Indiana. But you should: it’s a story which explains a lot of higher education.”
Aus einer gescheiterten privaten höheren Lehranstalt sei durch die Landschenkung eines örtlichen Industriellen, George Ball, in dem kleinen Ort Muncie 1917 die Ball State University als öffentliche Hochschule zunächst unter dem Namen Indiana State Normal School gegründet worden. Ball habe vor Ort viel Grund besessen und habe durch eine Hochschule und daneben durch die Eröffnung eines Krankenhauses und einer Kunstgalerie ein höheres Maß an Kultiviertheit seines Umfelds und damit auch einen höheren Wert seines Immobilienbesitzes sicherstellen wollen. Der Plan sei aufgegangen, berufstätige Familien seien zugezogen, die Immobilienwerte gestiegen. Usher schreibt: „The true value of Ball State, in other words, lay in its effect on local property values. The kinds of graduates it produced was irrelevant. It benefits the community by being a good neighbour, by raising property values, by educating local citizens at low cost (in the sense that if it did not exist, local students would have to travel to go to school). At best, it serves as a utility for the local community. Or, alternatively, an ‘anchor tenant‘.”
Dann fragt Usher in Richtung Kanada (diese Frage könnte man wohl auch in Deutschland stellen): Wie viele kanadische Universitäten seien Stanfords, und wie viele Ball States? Aus dem täglichen Beratungsgeschäft berichtet er eine der Fragen, die HESA gerne an Hochschulleitungen stellen würden: Würde die Einrichtung morgen von einem Asteroiden getroffen und zerstört, wer wäre davon betroffen und warum? HESA stelle diese Frage, um die Gesprächspartner zum Nachdenken darüber zu bewegen, wer ihre wichtigsten Interessengruppen seien und wie die Einrichtung diesen Interessengruppen diene. Häufig genannt würden lokale Unternehmen, die auf die Studierenden angewiesen seien, oder Familien in der Region, deren Kinder die Hochschule ausbilde. Mit anderen Worten: Viele Hochschulen sähen sich eher als lokaler oder regionaler Dienstleister und „anchor tenant“ denn als Anziehungspunkt für Investitionen oder als Talentmagnet. Das sei nicht unbedingt etwas Schlechtes, denn Bildungsdienstleistung und Ankermieter spielten eine wichtige Rolle im Ökosystem von Hochschulbildung. Aber der Versuch, die gesamte postsekundäre Bildung mit dem Stanford-Narrativ aufzupumpen, sei ein Irrweg. Verschiedene Einrichtungen dienten unterschiedlichen Zwecken und die Behauptung, dass ein vermutlich gerne gehörtes Stanford-Narrativ für alle Hochschulen gelte, sei lächerlich. Er schreibt: „The ‘universities invent the future’ narrative, the one that suggests that they drive local technological development, that they are all local Stanfords, is nonsense. The majority of universities are actually Ball States: anchor tenants which provide utility services to the local communities. There’s nothing wrong with that. The World Needs Ball States. It’s just that what is required to make a Ball State effective is different from what is required to make a Stanford effective. One is about service, specifically local. The other is about inventing the future, an inherently global task. Both have important roles in the system.“
Sie finden den Beitrag hier.
Sie finden „Regional Advantage” hier.
Sie finden „Creating the Cold War University: The Transformation of Stanford“ hier.
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Englischer Blick auf US-Hochschulen | |
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Paul Basken befasste sich in Times Higher Education zuletzt mit der Frage, warum US-amerikanische Hochschulen derzeit ein besorgniserregendes Maß an politischer Kritik einstecken müssen. US-Hochschulen seien zwar seit Langem politischen Angriffen ausgesetzt, doch hätten parteipolitische Angriffe auf die Säulen des akademischen Betriebes während der Präsidentschaft Trumps erheblich zugenommen und nach dem Ausbruch der Gewalt im Nahen Osten im Oktober ein Rekordniveau erreicht. Er schreibt: „Yet US universities – despite having access to armies of top experts on pretty much any topic, along with some truly huge endowments – are sitting back largely frozen, watching almost helplessly as the onslaught claims several of their biggest leaders, rewrites their very missions, and threatens to wreak far more damage.”
Eine fortschreitende Verrohung der US-Politik – fast ausschließlich auf Seiten der politischen Rechten – wirke sich zunehmend auf Hochschulen aus und Politik und Geldgeber nutzten ihre immensen Machtbefugnisse in noch nie dagewesener Weise, um Colleges und Universitäten in Bezug auf Lehre, Forschung, Auftrag und Identität einzuschüchtern. Aufsehen erregten zuletzt mehrere republikanische regierte Bundesstaaten, in denen Themen wie soziale Gerechtigkeit, „critical race theory“ oder Abtreibung nicht mehr geduldet würden. Übernahmen von Hochschulräten durch bundesstaatliche Regierungen und die jüngsten politisch erzwungenen Rücktritte von Hochschulleitungen (etwa an Harvard und UPenn) seien weitere Zeichen des zunehmenden politischen Drucks auf die Hochschulen. Zu diesem Druck gesellten sich Klagen über hohe Studiengebühren und Verschuldung von Absolventen, deren Abschlüsse sinkende Werte am Arbeitsmarkt erzielten.
Die Frage, wie man am besten auf diesen Druck reagieren sollte, sei mittlerweile essenziell für Hochschulen geworden. Problematisch sei dabei die jahrzehntelange Erfahrung von Hochschulleitungen hinsichtlich des institutionellen Überlebens und die Tendenz, an traditionellen Verhaltensmustern festzuhalten. Die Position der Hochschulen sei nach wie vor: „Our first responsibility is to maintain a university that fosters critical thinking, open and free enquiry, and a search for truth – buffering our institutions the best we can from the external forces that would change us. If we do, we will attract the right faculty and students and continue to fulfil our mission [even if most Americans don’t seem to appreciate that].”
Die von dieser Haltung ausgehende Gefahr sei, dass Hochschulen zunehmend als eine Partei in einer zerklüfteten Gesellschaft wahrgenommen würden und nicht als ein wichtiger Eckpfeiler der Zivilgesellschaft. Strategisch sinnvoller sei hingegen, sich an den jeweiligen Standorten und in den jeweiligen Regionen gerade als solche Eckpfeiler in Erinnerung zu rufen, oder, wie es Lynn Pasquerella als ehemalige Präsidentin des Mount Holyoke College formuliere: „We have to get out into the communities and serve as anchor institutions…and have conversations with those in the communities who are most skeptical of what it is that we do. That’s where we’ve fallen down.”
Sie finden den Beitrag hier.
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Lassen sich 40 Mio. Studienabbrecher noch erreichen? | |
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In einem Beitrag befasst sich Karin Fischer im Chronicle of Higher Education mit jüngsten, im Sommer vergangenen Jahres veröffentlichten Zahlen des National Student Clearinghouse Research Centers (NSCRC) zur Population von Studienabbrechern in den USA, den sog. „Some College, No Credentials (SCNCs)”. Dort heißt es: „As of July 2021, the population has reached 40.4 million, up 1.4 million from 39.0 million in the previous year. A lack of re-enrollment and 2.3 million new SCNC students (recent stop-outs) drove this large growth. All 50 states and D.C. experienced growth.” Zudem seien sämtliche SCNC-Ergebnisindikatoren wie Wiedereinschreibung, Abschluss im Jahr nach der Wiedereinschreibung und Durchhaltevermögen gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Im Studienjahr 2021/22 hätten sich zwar mehr als 864.000 SCNC-Studierende erneut eingeschrieben, 53.300 Studierende hätten im selben Jahr ihren ersten Studienabschluss erworben und 508.700 Wiedereinschreiber aus dem Vorjahr hätten bis in ihr zweites Jahr durchgehalten, doch seien alle Zahlen gegenüber den Vorjahren rückläufig.
Frage man allerdings bei den Hochschulen an, würde laut Fischer gerade die Kohorte der Studienabbrecher angesichts der demografischen Entwicklung als ein Pool angesehen, aus dem Hochschulen schöpfen und ihren rückläufigen Studierendenzahlen begegnen könnten. Sie schreibt: „Many colleges see these potential students – call them dropouts or stopouts or comebackers or potential completers – as an easy win.”
Doch sei es eben einfacher gesagt als getan, denn die Gründe, warum Studierende das College verließen, seien ebenso vielfältig wie kompliziert. Einige seien akademisch nicht gut genug vorbereitet und hätten Mühe, in ihren Kursen Schritt zu halten, während andere von den Kosten überwältigt würden. Wiederum andere seien orientierungslos und sammelten Credits, ohne eine klare Vorstellung von ihrem Studienziel zu haben, wiederum andere strauchelten in der Gesellschaft oder hätten mit psychischen Problemen zu kämpfen. Man müsse, wenn die Wiedereinschreibung das Ziel sei, sehr genau herausfinden, warum das Studium abgebrochen wurde. Laura Bernhard, eine Forscherin der Organisation „California Competes” und Expertin zu Fragen des Studienerfolgs, wird dazu mit den Worten zitiert: „You can’t ask people to come back to a system that didn’t work for them the first time.“
Dass nur 31% von befragten „dropouts“ in Umfragen der Meinung seien, Hochschulen würden exzellente oder wenigstens sehr gute Arbeit hinsichtlich der Vorbereitung auf das Berufsleben leisten, sei ein anderer Ausdruck der hohen Hürden, die ein Werben für das Fortsetzen des Studiums zu überwinden hätte. Auf der anderen Seite könnte dieses Werben aber auch auf ein weiteres Meinungsbild unter Studienabbrechern aufbauen, dass sie nämlich weit überwiegend Freunden und Bekannten zu einem Bachelor Degree raten würden, auch wenn dieser für sie selber nicht (mehr) in Frage komme. Es heißt: „Respondents with some college [SCNCs] were much more likely to recommend college to others than to indicate an interest in taking more courses themselves. 75% said they would advise a friend or relative to pursue a bachelor’s degree. 44% said they intend to take classes again in the future.”
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Sie finden die zitierten Zahlen hier.
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Inside Higher Education meldet mit Bezugnahme auf Associated Press (AP) eine Vereinbarung der University of Wisconsin mit dem Gesetzgeber des Bundesstaats, der zufolge der Flaggschiffcampus in Madison die besten 5% aller Oberschulabsolventen aus Wisconsin zum Studium zulassen würde und die übrigen Campi des Systems die besten 10%. Es heißt zu weiteren Teilen der Vereinbarung: „The deal also mandates cuts and wide-ranging changes to the system’s DEI initiatives – all in exchange for approximately $800 million in funding to cover staff raises and construction projects.”
Sie finden die Meldung hier.
Sie finden die AP-Meldung hier.
Der Chronicle of Higher Education meldet die Jahreseinkommen von Spitzen privatfinanzierter US-Hochschulen und nennt für Amy Gutmann, die ehemalige Präsidentin der University of Pennsylvania und derzeitige US-Botschafterin in Deutschland, knapp $23 Mio. als Verdienst. Davon seien allerdings 89% als „deferred compensation“ für ihre Verdienste während ihrer 18-jährigen Amtszeit geflossen. Auf den Plätzen der Einkommensliste folgen Lee Bollinger (vorm. Columbia University, $3,9 Mio.), Andrew Hamilton (NYU, $3,6 Mio.) und Carol Folt (University of Southern California, $3,5 Mio.).
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Die New York Times meldet Pläne der New School University in New York, den Dienstsitz ihres im vergangenen Sommer zurückgetretenen Präsidenten für $20 Mio. auf den Markt zu bringen, um einen kleinen Beitrag zur Beseitigung der Schieflage des Haushalts zu leisten. Es heißt: „The New School’s building, on a residential block of West 11th Street, is especially valuable. It has also become a symbol of administrative bloat and arrogance to some at the college, a historically progressive, century-old institution with about 10,000 students.”
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Inside Higher Education meldet die Entscheidung des Hochschulrats der Texas A&M University (TAMU), ihren bislang sehr profitablen Campus in Qatar bis 2028 zu schließen, und fragt: „Are accusations of Hamas ties to blame?“
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Die Washington Post meldet den Erfolg des Klimawissenschaftlers Michael Mann in seiner Verleumdungsklage gegen zwei Blogger, die nun zu Schadenersatz in Höhe von über $1 Mio. verurteilt worden seien. Der Beitrag zitiert Mann mit den Worten: „I hope this verdict sends a message that falsely attacking climate scientists is not protected speech.”
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