Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada. | |
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Die Themen dieser Woche:
- Schulden fürs Studium? Umfrage unter US-Amerikanern
- Welche US-Colleges sind die ökonomisch diversesten?
- Generative AI an Hochschulen
- Kurznachrichten
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Liebe Leserinnen und Leser,
wir befassen uns dieser Ausgabe mit einer Umfrage in den USA zur Akzeptanz von Darlehen zur Finanzierung eines Studiums und mit einer durch die New York Times veröffentlichte Rangliste der ökonomisch diversesten Colleges des Landes. Wir werfen zudem einen Blick auf den kanadischen Think Tank „Higher Education Strategy Associates (HESA)“ und Generative AI an Hochschulen als einem seiner Berichtsschwerpunkte und – wie immer – auf verschiedene Kurznachrichten.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.
Herzliche Grüße,
Stefan Altevogt
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Schulden fürs Studium? Umfrage unter US-Amerikanern | |
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In der vergangenen Ausgabe hatten wir uns mit einem Beitrag der New York Times zur Finanzierung eines „durchschnittlichen“, grundständigen Studiums in den USA befasst und die derzeit zugrunde gelegte Zahl von $100.000 an direkten Kosten für ein vierjähriges Studium genannt, die zu einem Drittel angespart, zu einem weiteren Drittel aus dem laufenden Aufwand und zum letzten Drittel durch Darlehen finanziert würden.
Aus Anlass der Wiederaufnahme der Rückzahlungen der sich mittlerweile auf fast $1,8 Bio. belaufenden Studienschulden Anfang dieses Monats – sie waren im März 2020 durch den damaligen Präsidenten Trump wegen des Covid-bedingten nationalen Notstands ausgesetzt worden – befasst sich ein Beitrag im Chronicle of Higher Education mit der immer wieder aufflammenden Frage: „How much should a person go into debt for college?“
In einer vom Chronicle in Auftrag gegebenen, landesweit durchgeführten, repräsentativen Umfrage habe die Antwort im Median bei $20.000 gelegen und damit deutlich unterhalb der in der New York Times veranschlagten Zahl und laut Chronicle „a bit less than what, on average, American bachelor’s-degree holders actually borrow to cover their time in college.“ Für diese Aussage stützt sich der Chronicle auf von der Firma College Board zusammengetragene Zahlen, denen zufolge 54% der Absolventen der öffentlich finanzierten und privat finanzierten, gemeinnützigen Hochschulen des Landes Studienschulden hätten und sich diese Schulden im Durchschnitt auf etwas über $29.000 beliefen. Dass allerdings auch knapp $30.000 an Studienschulden für sich alleine genommen noch kein Problem seien, kommt in den Worten zum Ausdruck: „Despite the dramatic stories that make the news, usually people have little trouble paying back their student loans, said Sandy Baum, an economist who helped write the College Board’s reports on student aid and college pricing for nearly two decades.”
Was allerdings für die Hochschulen künftig deutlich problematischer werden könnte, seien Antworten auf die Frage: „Was Your Degree Worth It?“ Diejenigen, die keine Schulden für das Studium aufgenommen hätten, seien zu 17% der Ansicht, das Studium habe sich nicht gelohnt, eine Ansicht, die von 36% derjenigen geteilt würde, die Schulden aufgenommen hätten und derzeit noch dabei seien, sie zurückzuzahlen. Interessant ist die Gruppe derjenigen, die Schulden aufgenommen und bereits zurückgezahlt hätten. Sie seien nur zu 14% der Ansicht, das Studium habe sich nicht gelohnt. Zur Gruppe, die dem Wert eines Hochschulstudiums skeptisch gegenüber stünden, heißt es: „Among the survey-takers who said college was not worth it, the most commonly cited reasons were cost, debt, the lack of a guarantee that a degree would lead to a good job, and the existence of other avenues to well-paying positions. Only a handful of respondents said they took issue with higher education’s liberal politics or ‘indoctrination’.”
Bemerkenswert ist schließlich auch die Verschiedenheit der Antworten verschiedener Gruppen auf die oben genannte Chronicle-Umfrage nach einem akzeptablen Schuldenstand nach Abschluss eines Studiums, wobei hier die Unterschiede nach Alters- bzw. Einkommensgruppen auffallen, freilich aber auch erwartbar sind: Während in der Altersgruppe der 18-24-Jährigen im Median ein Betrag von $10.000 genannt wurde, stieg die Angabe über die Altersgruppen hinweg an, um bei den „Alten“ (über 65 Jahre) bei $30.000 zu landen. In Haushalten mit Jahreseinkommen von weniger als $50.000 seien $20.000 als Belastungsgrenze genannt worden, in Haushalten mit Jahreseinkommen von mehr als $100.000 dagegen $30.000. Zu den deutlich niedriger liegenden Antworten von Befragten mit afro-amerikanischem Hintergrund heißt es schließlich: „Black survey respondents’ median answer for what’s a reasonable student debt was $10,000. That lower figure was ‘not necessarily surprising to me’, said Jalil M. Bishop, co-founder of a nonprofit research group called the Equity Research Cooperative. ‘I think it’s Black borrowers who have experienced the most negative consequences and multigenerational impact of student debt’.”
Sie finden den Beitrag hier.
Die New York Times meldet eine Überprüfung der Rückzahlungsmodalitäten von Studienschuldnern durch das US-amerikanische Bildungsministerium, die ergeben habe, dass in mehr als 400.000 Fällen die Raten falsch berechnet und zu hohe Rückzahlungen verlangt worden seien. Es heißt: „The mistakes have come to light as more than 28 million federal student loan borrowers returned to repayment this month after a pandemic-related relief program put their monthly bills on pause for nearly four years.”
Sie finden die Meldung hier.
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Welche US-Colleges sind die ökonomisch diversesten? | |
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In ihrer Bildungsausgabe veröffentlichte das Magazin der New York Times zum dritten Mal nach 2014 und 2017 einen „College-Access Index“, also eine nach ihrer ökonomischen Vielfalt sortierte Rangliste der knapp 300 nach den Kriterien von Barron’s Profiles of American Colleges selektivsten Universitäten des Landes. An ihnen – gleichermaßen öffentlich und privat finanzierte (gemeinnützige) Einrichtungen – würden derzeit 2,7 Mio. Studierende ausgebildet. Als Maßstab ökonomischer Vielfalt sei – wie üblich – der Anteil der Studierenden herangezogen worden, die Mittel aus dem Pell Grant Programm erhalten, die in der Regel an Studierende aus Familien der unteren Hälfte der Einkommensverteilung gingen (Pell-Share).
Im Durchschnitt hatten diese Colleges einen Pell-Share unter ihren Freshmen von 21% – und damit 2% weniger als 2011 – bei einem für die Finanzierung ökonomischer Diversität wichtigen Stiftungsvermögen von durchschnittlich $436.000 pro Studierenden. Mit 94% war zuletzt das auf Kinder aus einkommensschwachen Familien spezialisierte Berea College in Kentucky Spitzenreiter der Rangliste, verfügt allerdings auch über $1 Mio. Stiftungsvermögen pro Studierenden und kann so die Studienkosten nach Abzug aller Beihilfen (Net-Price) für Kinder aus durchschnittlich finanzkräftigen Haushalten auf $4.400 pro Jahr begrenzen. Es folgen auf den Plätzen das Salem College in North Carolina mit einem Pell-Share von 69% bei $155.000 Vermögen pro Studierenden und das Baruch College der City University of New York (CUNY) mit 56% bei nur $19.000 Vermögen pro Studierenden. Auf dem vierten Platz rangiert mit dem College of Mount St. Vincent eine kleine katholische Hochschule im Norden der Bronx, die trotz eines vergleichsweise nur kleinen Stiftungsvermögens von $17.000 pro Studierenden auf einen Pell-Share von 52% kommt, seinen Net-Price für Durchschnittsverdiener allerdings mit über $20.000 pro Jahr ausweist.
Die Tabelle ist nach verschiedenen Kriterien sortierbar und legt auf diese Weise auch offen, was häufiger moniert wird und auch schon in den Nordamerika Nachrichten behandelt worden ist, dass sich nämlich die durch sehr große Stiftungsvermögen pro Studierenden entstehende Flexibilität bei der Zulassung von Studierenden aus einkommensschwachen Schichten nicht immer in einem hohen Pell-Share ausdrückt. Hier gehen die selektivsten Hochschulen des Landes, die „Harvards of the world“ mit schlechtem Beispiel voran. Spitzenreiter unter dem Blickwinkel „Endowment per Student“ ist derzeit Princeton University mit $7,75 Mio. und einem Pell-Share von lediglich 18%, gefolgt von Yale ($6,78 Mio. und 21%) und Harvard ($6,77 Mio. und 22%). Das kleine (nur 900 Undergraduates) aber wohl sehr feine California Institute of Technology hat derzeit ein Vermögen von $4,6 Mio. pro Studierenden und einen Pell-Share von lediglich 10%.
Sie finden den Beitrag hier.
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Generative AI an Hochschulen | |
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Mit den Higher Education Strategy Associates (HESA) gibt es in Kanada einen Think Tank für Hochschulbildung, der seinen eigenen Angaben zufolge Regierungen, postsekundären Einrichtungen und Behörden durch Analyse, Datenaufbereitung und -bewertung strategische Einblicke und Orientierungshilfen anbietet. Es heißt weiter: „Through these activities HESA strives to improve the quality, efficacy, and fairness of higher education systems in Canada and worldwide.”
Sie finden HESA hier.
Ein derzeitiger Themenschwerpunkt bei HESA ist Künstliche Intelligenz (KI), genauer gesagt die Texte erzeugenden Formen von KI („Generative AI oder GenAI“). Zum ersten Jahrestag der Veröffentlichung von ChatGPT befasst sich ein Beitrag mit dem im Sommer bei HESA ins Leben gerufenen „AI Observatory“, das in monatlichen AI Roundtables eine Gruppe von Experten zusammenbringe und nun damit begonnen habe, an Freitagen E-Mails zu jüngsten Entwicklungen generativer KI zu verschicken. Der Beitrag resümiert: „At the end of 2022 or early 2023, many reacted to ChatGPT by releasing a generic institutional statement, either prohibiting GenAI or approaching it with caution. For the most part, in these early days, the issue was framed solely in terms of academic integrity. As time passed, HEIs began embracing – or at least, accepting = GenAI, and many changed their statements to something along the lines of ‘since we can’t put the toothpaste back in the tube, let’s learn how to live with it – and potentially even learn to use it for ‘the good’.” Einige Hochschulen, wie etwa Seneca Polytechnic, bekräftigten sogar, dass sie alle Studierenden befähigen wollten, sich kritisch mit GenAI auseinanderzusetzen, um sie dadurch angemessen auf eine KI-gestützte Arbeitswelt vorzubereiten.
Zwar gäbe es derzeit (noch) keine allgemein gültigen und sinnvollen Regeln für einen Umgang mit GenAI an Hochschulen, doch könne man bereits einige Hinweise geben, in welche Richtung Hochschulen sinnvoll reagierten. Dazu gehöre vor allem die Einsetzung von Ausschüssen bzw. die Zuweisung von neuen Funktionen, die sich auf GenAI konzentrierten und die Aufgabe hätten, über die neuesten Entwicklungen von GenAI-Anwendungen informiert zu bleiben, damit innerhalb der Institutionen angemessene Entscheidungen getroffen werden könnten.
Zudem sei es wichtig, über die Positionen der jeweiligen Hochschule zum Thema KI so zu kommunizieren, dass die gesamte Campus-Gemeinschaft wissen könne, was vor sich gehe und wie die Einrichtung zu den verschiedenen Themen stehe. Es heißt: „One thing that is definitely apparent from our discussions across the country is that even where institutions are being pro-active, their efforts are not well-promoted or well-understood even within their own communities.”
Sie finden den Beitrag hier.
Sie finden die Themenseite zu AI hier.
Alex Usher ist der CEO der HESA und er bietet in einem sehr lesenswerten Blog „One Thought to Start Your Day“ immer wieder Denkanstöße. Zuletzt war es ein an kanadische Hochschulen gerichteter, doch auch auf andere Länder übertragbarer Hinweis zur Lobbyarbeit in den jeweiligen Hauptstädten. Usher rät kanadischen Hochschulen davon ab, in Ottawa Verbindungsbüros zu unterhalten und mit ihnen um mehr für Mittel aus dem Bundeshaushalt zu werben, ohne dabei deutlich zu machen, wie genau die Hochschulen diese Investitionen in Wirtschaftsleistung umzuwandeln gedenken. Er schreibt: „Nobody Believes the Economic Growth Story. Since about 1996, universities have been telling the same story to the government. It is very much an Underpants Gnomes story.“ (Der Hinweis auf die „Unterhosen-Wichtel“ führt in Verästelungen der Serie „South Park“ und muss in Nordamerika nicht weiter erläutert werden. Für Nicht-Kenner sei skizziert: Es geht um einen Business Plan, dessen erster Schritt „Collect Unterpants“ und dessen dritter und letzter Schritt „Profit“ lautet. Der zweite Schritt, also das „wie“ aus Schritt 1 Schritt 3 folgen kann, wird mit einem großen Fragezeichen dargestellt. Die Underpants Gnomes sind mittlerweile zu einer gängigen Metapher für schlecht durchdachte wirtschaftliche und politische Strategien geworden.)
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In einem Beitrag für die New York Times zeichnet David French die jüngsten Skandale an der christlich-fundamentalistischen Liberty University in Virginia nach, deren Ausmaße weit über das hinaus gingen, wofür „the Harvards of the world“ regelmäßig in den Schlagzeilen auftauchten und die möglicherweise eine Strafzahlung von über $35 Mio. an das Bildungsministerium nach sich ziehen könnten. French sieht allerdings über aktuellen Skandale hinaus eine von einigen christlichen Hochschulen ausgehende grundsätzliche Gefahr für die Einheit der Gesellschaft. Die Skandale zeigten systematisches Fehlverhalten in einer Institution nach der anderen, eine bemerkenswerte Toleranz selbst gegenüber den eigensinnigsten und unehrlichsten Personen und Institutionen im amerikanischen Christentum und gleichzeitig begegneten sie Teilen der Gesellschaft außerhalb der Kirche mit einem hohen Maß an Wut und trügen so zur fortschreitenden Polarisierung Amerikas bei.
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In ihrem Internationalisierungs-Blog Latitudes befasst sich Karin Fischer im Chronicle of Higher Education mit den Bemühungen der University of Kentucky, mit einer „Explore First“ genannten Initiative Studierende aus bildungsferneren Elternhäusern besser in die Study Abroad-Programme der Hochschule einzubinden. Sie schreibt zur Zielgruppe der Initiative: „In addition to being the first in their families to go to college, nearly all the students were Pell Grant recipients, said Susan M. Roberts, the university’s associate provost for internationalization. Many were from rural communities, and the group was significantly more racially diverse than the university’s undergraduate population as a whole.”
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Ein Beitrag fragt im Chronicle of Higher Education, ob die Streichung des Promotionsprogramms in Mathematik an der West Virginia University (wir berichteten) mit der Carnegie-Klassifizierung der Hochschule als einer „R1“ (Forschungshochschule mit höchster Forschungsintensität) kompatibel sei. Es heißt: „The decision, which turned math at the university into an undergraduate-only pursuit, raises questions about the state of the discipline at the graduate level.” Laut jüngsten Zahlen der National Science Foundation habe sich die Graduiertenausbildung in Mathematik und Statistik in den vergangenen Jahren auf nur wenige Hochschulen konzentriert und 21 Universitäten seien zuletzt für die Promotion von etwa einem Drittel der PhDs in der Disziplin verantwortlich gewesen. West Virginia University habe nicht zu den 21 Universitäten gehört.
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Ein Beitrag befasst sich in der New York Times mit einer durch die New Yorker Schulverwaltung verordneten Reduzierung von Klassengrößen in den öffentlich finanzierten Schulen von derzeit 34 auf dann 25 Schülerinnen und Schüler und einer gegenläufigen Tendenz bezüglich einiger öffentlich finanzierter Elite-Schulen der Stadt, wo Eltern größere Schulklassen bevorzugen würden, um ihren eigenen Kindern bessere Chancen zu verschaffen, dort auch angenommen zu werden. Es heißt: „A growing number of families who want their children to attend the city’s most selective institutions, including its coveted crown jewels like Stuyvesant and Bronx Science, worry their odds could decrease at popular schools with packed classes and little extra space.”
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