19.06.2023

Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.

Die Themen dieser Woche:

  • Relevant bleiben: Strategien gegen schwindende Studierendenzahlen
  • Peer Groups: Ein Blick in zwei verschiedene Richtungen
  • Internationale Studierende und Einwanderung
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir befassen uns dieser Ausgabe mit Strategien gegen schwindende Studierendenzahlen und mit der jüngsten Übersicht darüber, welche US-Hochschulen welche anderen im Land als ihresgleichen betrachten. Wir werfen zudem einen Blick auf internationale Studierende und Einwanderung und – wie immer – auf verschiedene Kurzmeldungen.

 

Ich wünsche eine interessante Lektüre.

 

Herzliche Grüße,

 

Stefan Altevogt

Relevant bleiben: Strategien gegen schwindende Studierendenzahlen

Angesichts in den kommenden Jahren absehbar sinkender Zahlen von Oberschulabsolventen in den USA machen sich dort sehr viele Hochschulen Sorgen darum, wie sie ihre Freshmen-Jahrgänge jeweils füllen können. Weil eine naheliegende Strategie, nämlich so kompetitiv zu sein, dass man sehr viel mehr Studienbewerber als Studienplätze hat, nur in sehr kleinen Bereichen der Hochschullandschaft funktioniert (hier aber umso besser), wird man andernorts gezwungen sein, mit anderen Strategien relevant zu bleiben.

Ein Beitrag beschreibt im Chronicle of Higher Education die wachsende Kluft zwischen den selektiven „Haves“ und den weniger selektiven „Have-Nots” und schildert, dass neben der demografischen Entwicklung von kleiner werdenden Kohorten im klassischen Studierendenalter auch die Studienneigung nachgelassen habe. Zwischen 2018 und 2021 sei der Anteil der Oberschulabsolventen, die sich an einer Hochschule einschrieben, von 69% auf 62% gesunken, wobei der Unterschied zwischen Frauen und Männern bei der Studienneigung ganze 15 Prozentpunkte betrage (70% gegenüber 55%).

In der kleinen Nische hochselektiver, zumeist privat finanzierter Colleges brauche man sich derzeit keine Sorgen zu machen, genauso wenig wie an den quantitativ relevanteren Flaggschiffen öffentlich finanzierter Hochschulsysteme, die studienwilliges Talent aus den jeweiligen Bundesstaaten aufsaugten und darüber hinaus auch national und international attraktiv seien (wenngleich zu deutlich höheren out-of-state tuitions).

Der mit rund 40% aller Studierenden in den USA bedeutsame Teil der vor allem lokal und nur gelegentlich regional relevanten Community Colleges brauche dagegen eine andere Strategie, um relevant zu bleiben, und hier spiele die lokale Anbindung und die Fähigkeit, auf Bedarfe des lokalen Arbeitsmarkts reagieren zu können, eine herausragende Rolle. Es heißt: „If colleges are willing to invest time and energy into enhancing relationships with their local communities, then more people may see the value proposition of attending college.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Eines der hartnäckigeren Probleme dieser Community Colleges ist die vergleichsweise geringe Quote von erfolgreichen Studierenden, zu der es in einem Beitrag auf Higher Ed Dive heißt: „Among community college students who first enrolled in 2016, 43.1% graduated within six years, according to the National Student Clearinghouse Research Center. That’s compared to 68% of students at public four-year institutions and the national average of 62.3% for all types of colleges.”

Hier deutlich erfolgreicher zu sein, sei eine andere Strategie, relevant zu bleiben, und der Beitrag verweist auf entsprechende Erfolge an den Community Colleges des Systems der City University of New York (CUNY), die man nun in Ohio wiederholen wolle. Es heißt: „Three of Ohio’s community colleges worked with their state’s higher education department, the research firm MDRC and CUNY to customize and implement a version of the system’s Accelerated Study in Associate Programs, or ASAP, which focuses on comprehensive advising and financial support.”

Das seit 16 Jahren bestehende CUNY ASAP habe die Erfolgsquote der Studierenden (Abschluss innerhalb von 150% der Regelstudienzeit) verdoppeln können. Das vor sechs Jahren in Ohio nach dem Vorbild von ASAP gestartete Pilotprojekt zeige eine ähnliche Tendenz: 43,7% der Community-College-Studierenden im Ohio ASAP hätten einen Abschluss erzielt, verglichen mit 28,6% der Studierenden außerhalb des Programms. Etwas erfolgreicher seien Teilnehmende an ASAP auch hinsichtlich der Einkommen, wenngleich die im Text genannten Zahlen der Jahreseinkommen einen Hochschulbesuch nicht wirklich lohnend erscheinen lassen. Es heißt: „Just over 70% of both student groups were employed six years after they first enrolled. But ASAP students who reported income that year earned 11% more than similar students who were not in the program, $27,715 compared to $24,955.”

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

Als ein Beispiel für Erfolg in einer Nische beschreibt ein Beitrag auf Inside Higher Education das zur CUNY gehörende Lehman College in der Bronx, das einem allgemeinen Trend weg von den Humanities trotze. Es heißt: „Instead of a decline, Lehman College’s enrollment in School of Arts and Humanities majors has increased over the last 10 years, from 918 in fall 2011 to 1,239 in fall 2021 (the peak was in fall 2020, with 1,316 arts and humanities majors).”

Das College werde vor allem von Hispanics aus bildungsferneren Elternhäusern besucht, eine Gruppe, die eigentlich keine besonders starke Neigung zu Geisteswissenschaften hätte. Dank eines von der Teagle Foundation und dem National Endowment for the Humanities finanzierten Programms sei dies aber am Lehman College deutlich anders. Es heißt: „Students focus on discussing great texts from all over the world and from their cultural heritage to tackle big questions. In art and English classes, they embrace traditional forms as well as new technologies and learn to work with gaming as well as with social media. A class in Latin American studies takes place in a different museum or theater each week.”

 

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Peer Groups: Ein Blick in zwei verschiedene Richtungen

Der Chronicle of Higher Education stellt in einer jüngsten Auswertung von Angaben aus dem Integrated Postsecondary Education Data System (IPEDS) des Bildungsministeriums dar, wen knapp 1.500 US-amerikanische Hochschulen als ihre nationalen Peers ansehen und von welchen Hochschulen sie in umgekehrter Richtung als Peers angesehen werden. Dabei ist es nur wenig verwunderlich, dass wirkliche Spitzeneinrichtungen wie Harvard University oder das Massachusetts Institute of Technology (MIT) deutliche weniger Peers angeben als sie in umgekehrter Richtung von anderen Hochschulen angegeben werden. Bei Harvard liegt das Verhältnis zwischen Innen- und Außenansicht bei 3:21 (nur Princeton, Yale und Stanford gelten als satisfaktionsfähig), beim MIT liegt es bei 7:28 und von hier aus sieht man neben Princeton, Yale und Stanford noch Cornell, das CalTech, Carnegie Mellon und selbstverständlich Harvard auf Augenhöhe.

Schauen wir in das Spitzensegment der öffentlich finanzierten Hochschulsysteme, gibt sich das Flaggschiff der University of Texas recht elitär (vielleicht, weil man auf das größte Stiftungsvermögen aller öffentlichen Hochschulen zurückgreifen kann) und bezeichnet nur 14 andere Hochschulen als Peers, darunter mit Berkeley, Los Angeles und San Diego drei Campi der University of California (UC), den Flaggschiff-Campus der University of Michigan in Ann Arbor und bemerkenswerterweise auch die Indiana University in Bloomington.

Die UC Berkeley hat sich selbst nicht zur Frage geäußert, welche anderen Hochschulen mit ihr in einer Liga spielen, sie wird aber von 29 Hochschulen als ihr jeweiliger Peer genannt, Hochschulen, die wie das Harvey Mudd College, Cooper Union for the Advancement of Science and Art in New York und die Texas Tech University. Letztere wird zwar von der Carnegie Classification als eine von derzeit 146 „R1: Doctoral Universities – Very high research activity“ gelistet, kommt einem aber wahrscheinlich nicht sofort in den Sinn, wenn man an die forschungsstärksten US-Hochschulen denkt.

Das oben erwähnte CUNY Lehman College hat ebenfalls nicht mitgeteilt, mit welchen anderen Einrichtungen es sich vergleichen wollte, wird in umgekehrte Richtung aber immerhin von elf Colleges als Peer betrachtet.

 

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Internationale Studierende und Einwanderung

Während in Kanada Immigration derzeit ein aktiv verfolgtes politisches Thema ist und entsprechend gesteuert wird, ist man südlich des 49. Breitengrads sehr viel vorsichtiger, über Immigration und dabei auch über die Rolle internationaler Studierender und Forschender für die Ausweitung des nationalen Talent-Pools zu sprechen. Das US State Departments hat jetzt neue Zahlen zur Visumvergabe in 2022 veröffentlicht, die ein nach wie vor großes internationales Interesse an einem Studien- bzw. Forschungsaufenthalt in den USA zeigen. Die für Studienaufenthalte relevante Visumskategorie F1 zählte 411.000 Bewilligungen im letzten Jahr (allerdings auch 220.000 Ablehnungen), die für Forschungsaufenthalte von Postdocs relevante Kategorie J1 zählte 284.000 Bewilligungen und 36.000 Ablehnungen.

Mit Blick auf einen möglichen Verbleib internationalen Talents in den USA sollte man die „Optional Practical Training (OPT) genannte Möglichkeit im Hinterkopf behalten, nach Studienabschluss in einem STEM-Fach auf einem F-Visum noch bis zu drei Jahre berufspraktische Erfahrungen sammeln zu dürfen. Wer sich in dieser Zeit als unentbehrlich erweist, bekommt – wenn er oder sie denn möchte – oft ein Expertenvisum (H1B) für weitere drei bis sechs Jahre, das danach häufig in die Green Card mündet. Für erfolgreiche Postdocs ist die Anstellung an einer Hochschule auf einem Tenure Track in der Regel ohnehin sofort mit einer Green Card verbunden.

 

Sie finden die Zahlen hier.

 

Die hohe Attraktivität Kanadas als Ziel für internationale Studierende hat offenbar dazu geführt, dass mit der Welle auch Menschen als angebliche Studierende ins Land geschleust werden, die gar nicht studieren wollen, und immer wieder Fälle bekannt werden, in denen internationale Studierende betrügerischen Visa-Vermittlern auf den Leim gehen.

In einer Stellungnahme hat nun der kanadische Minister für Immigration, Refugees and Citizenship (IRCC), Sean Fraser, einen wesentlichen Unterschied zwischen legitimen Studienaufenthalten und den leider auch zu beobachtenden Missbräuchen klarstellen müssen. Er habe sein Ministerium angewiesen, mit der Canada Border Services Agency (CBSA) zusammenzuarbeiten, um Opfer einer Betrugsmasche zu identifizieren, bei der internationalen Studierenden Hilfe bei der Beantragung ihrer Einwanderungserlaubnis versprochen wurde, und auch jene ausländische Staatsangehörige zu identifizieren, die dank gefälschter Hochschulzulassungen ins Land gekommen seien. Es heißt: „Many of these international students sincerely came to Canada to pursue their studies at some of our world-class institutions and were duped by bad actors who claimed to be helping them in their immigration application process. Other foreign nationals had no intent of pursuing higher education, and used fraudulent acceptance letters to take advantage of Canada’s immigration system.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

Kurznachrichten

Die New York Times befasst sich mit den Auswirkungen der jüngsten Vereinbarung zur Suspendierung der Schuldenobergrenze der USA auf die Situation der Studienschuldner, die ab 1. August nicht mehr mit einer weiteren Pause des Schuldendienstes rechnen könnten, wie sie als Folge der Covid-Pandemie eingeführt worden sei. Es heißt zum Umfang des Problems der Studienschulden: „The end of the pause will affect millions of Americans who have taken out federal student loans to pay for college. Across the United States, 45 million people owe $1.6 trillion for such loans – more than Americans owe for any kind of consumer debt other than mortgages.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Die New York Times meldet eine Verkürzung der für die Zulassung zum Graduate-Studium in den USA maßgebliche Graduate Record Examination (GRE) des Educational Testing Service und schreibt: „Changes to the test, the organization said, will include the removal of an analytical writing task, 46 fewer questions on the test’s quantitative and verbal reasoning sections and the elimination of an unscored section.”

 

Sie finden die Meldung hier.

 

Die kanadische University of Guelph meldet den Baubeginn eines auf Can$16 Mio. budgetierten Honey Bee Research Centre (HBRC), das 2025 seinen Betrieb aufnehmen werde. Es heißt in der Presseerklärung: „The centre will feature education spaces, event rooms, a laboratory, bee breeding facilities, pollinator gardens, and a shop for hive products. The new HBRC will be named after Lydia Luckevich – a UoGuelph alumnus who donated $7.5M toward the HBRC’s construction – and her late husband Don Pinchin.”

 

Sie finden die Presseerklärung hier.

 

Die New York Times berichtet über eine Änderung bei der sog. „Common App”, also den von einer gemeinnützigen Organisation vereinheitlichten und mittlerweile von mehr als 1 Mio. Menschen genutzten Unterlagen zur Studienbewerbung. Künftig würden Informationen zur ethnischen Herkunft nicht mehr angezeigt, was im Hinblick auf die für diesen Sommer erwartete Entscheidung des Supreme Courts zur Zulässigkeit von Affirmative Action relevant werden könne. Es heißt: „The new option will help colleges comply ‘with whatever legal standard the Supreme Court will set in regards to race in admissions,’ Common App said in a statement.”

 

Sie finden diese Meldung hier.

 

Ein Beitrag befasst sich im Chronicle of Higher Education mit der Zweischneidigkeit des „Panda Express Postdoctoral Fellowship in Asian American Studies“ an der University of Pennsylvania, das neben seiner offensichtlichen Nützlichkeit einer privat von einem Unternehmen mit chinesischem Migrationshintergrund finanzierten Forschungsförderung als Klischee in die Kritik gekommen sei. Die Befürworter des Programms könnten die Kritik nicht nachvollziehen, sei es doch vergleichbar mit anderen Stipendienprogrammen von Firmen und es sei in seiner Zielrichtung an der UPenn wegweisend. Es heißt: „Panda Express has pledged $450,000 to support five positions over the next three years. The scholars will be Penn’s first-ever postdoctoral researchers in Asian American studies.”

 

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Die New York Times meldet die Gründung der ersten aus öffentlichen Mitteln finanzierten religiösen Charter School in den USA und sieht darin den Anlass für eine gerichtliche Auseinandersetzung um die Trennung von Staat und Kirche.

 

Sie finden diese Meldung hier.

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