26.02.2024

Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.

Die Themen dieser Woche:

  • ROI von Hochschulbildung
  • Spenden als Vertrauensbeweis?
  • Cadillac of the Industry? Markenwert von Harvard unter Druck
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir befassen uns in dieser Ausgabe mit dem Return on Investment (ROI) von Hochschulbildung und mit jüngsten Zahlen zum Spendenaufkommen US-amerikanischer Hochschulen. Wir werfen zudem einen weiteren Blick auf den wachsenden politischen Druck auf US-amerikanische Elite-Hochschulen und – wie immer – auf verschiedene Kurznachrichten.

 

Wegen einer Dienstreise erscheint die kommende Ausgabe der DAAD Nordamerika Nachrichten erst wieder am 10. März.

 

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.

 

Herzliche Grüße,

 

Stefan Altevogt

ROI von Hochschulbildung

In den USA wird Hochschulbildung zu deutlich größeren Teilen als zum Beispiel in Deutschland als private Investition und nicht als öffentlich zu finanzierende Aufgabe angesehen. Diese privaten Investitionen (hier vor allem Studiengebühren, Lebenshaltungskosten während des Studiums und ein zeitlich verkürztes Einkommensintegral) sind entsprechend höher und daher wird die Frage nach einem „Return on Investment“ (ROI) eines Studiums auch von Menschen gestellt, die nicht in BWL eingeschrieben sind. Politisch ist die Debatte in den USA mittlerweile dadurch aufgeladen, dass auf der einen Seite vor allem Republikaner kritisieren, Hochschulen würden zu teuer und an den Bedarfen des Arbeitsmarkts vorbei ausbilden, während Demokraten derzeit bei denen im Wort stehen, die Entlastung von ihren Studienschulden fordern, für die also der Hochschulbesuch nicht so ertragreich gewesen ist, wie er statistisch hätte sein sollen.

Dass trotz hoher Studienkosten in den USA der ROI von Hochschulbildung beachtlich ist, wird prominent immer wieder durch das Center on Education and the Workforce (CEW) der Georgetown University dargestellt. Dort findet sich ein interaktives Tool, mit dem sich für 4.500 Colleges in den USA der ROI (Stand 2022) ausrechnen lässt. Es heißt zum eher uneinheitlichen Gesamtbild: „An average of 60 percent of college students across institutions earn more than a high school graduate after 6 years. However, at 1,233 postsecondary institutions (30 percent), more than half of their students 6 years after enrollment are earning less than a high school graduate. Our previous research indicates that these low earnings may relate to low graduation rates and disparities in earnings by gender and race and ethnicity.”

Das CEW bietet daneben auch Ansichten in feinerer Auflösung, etwa „ROI of Liberal Arts Colleges“ oder „The Colleges Where Low-Income Students Get the Highest ROI” und „Buyers Beware: First-Year Earnings and Debt for 37,000 College Majors at 4,400 Institutions”.

 

Sie finden die CEW-Tools hier.

 

Wem die Perspektive des CEW zu voreingenommen zugunsten von Hochschulen erscheint, wird zur Frage des ROI von Hochschulbildung auch bei der Federal Reserve Bank of St. Louis fündig. Sie ist eine der 12 regionalen Notenbanken der USA, die zusammen mit dem Board of Governors in Washington, DC die „Fed“ bilden, also die Zentralbank der USA. Zu den Aufgaben der Federal Reserve Bank of St. Louis gehören unter anderem die Erfassung und Aufbereitung ökonomischer Daten und „economic education“. Als ökonomisch bildend hat sie zuletzt vor knapp einem Jahr ein Paper mit dem Titel „The Return on Investing in a College Education“ veröffentlicht, dessen Kernaussage lautet:

  • „The costs and benefits of a college education – tuition and higher earnings, respectively – can be thought of as if they were the price and payoff of a financial asset.
  • Tuition costs have risen sharply and outpaced inflation in recent decades. However, the difference in earnings between workers with and workers without college also grew.
  • Estimates of the returns on investing in a college education appear to be significant. In 2020, they ranged from 13.5% to 35.9% across six demographic groups.”

 

Sie finden „The Return on Investing in a College Education“ hier.

 

Ein Beitrag wirft auf Inside Higher Education einen Blick auf den ROI eines Studiums an Hochschulen in ländlichen Umgebungen und stützt sich dabei auf Ergebnisse einer jüngst von Forschenden des Boston College vorgelegten Untersuchung. Die These hier: Ländliche Hochschulen und Universitäten seien in der Regel erschwinglicher, leichter zugänglich und hätten kürzere Studienzeiten als ihre Pendants in Städten bzw. Suburbs. Obwohl die Abschlussquoten und Einkommensergebnisse an ländlichen Hochschulen leicht hinter denen der nicht-ländlichen Einrichtungen zurückblieben, seien die Unterschiede so minimal, dass ein Fortziehen aus dem ländlichen Raum mit dem Ziel, einen besseren ROI für den Hochschulbesuch zu erzielen, nicht ein durchgängig guter Rat sei.

Das Paper sei Teil einer neuen Forschungsreihe des Institute for Higher Education Policy (IHEP) mit dem Titel „Elevating Equitable Value“. Die Reihe umfasse Beiträge zu einer Vielzahl von Themen, die sich auf den „Equitable Value Explorer“ des IHEP stützen, ein Datentool, mit dem sich die Verdienstmöglichkeiten nach dem Studium für verschiedene Studentengruppen und Institutionen vergleichen ließen.

Im Kern lasse sich Folgendes sagen: Hochschulen im ländlichen Raum seien mit Zulassungsquoten von 76% gegenüber 72% an nicht ländlichen Einrichtungen weniger selektiv, die Studierenden brauchten im Durchschnitt etwas weniger Zeit für ihren Abschluss und der ROI sei durchaus vergleichbar mit Hochschulen in Städten und Vorstädten. Für die Teilhabe an Hochschulbildung für bislang dort unterrepräsentierte Schichten hätten Hochschulen im ländlichen Raum demnach eine noch weithin übersehene Bedeutung. Es heißt: „Too often people believe ‘rural is code for white’, said Dreama Gentry, the CEO of Partners for Rural Impact, a nonprofit organization focused on improving academic and career outcomes for rural students. ‘Rural America is diverse, becoming more diverse … Rural students include students of color across the country’.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Sie finden „Elevating Equitable Value“ hier.

 

Sie finden „Partners for Rural Impact“ hier.

 

Methodisch arbeitet das Paper mit der vermutlich wichtigen Unterscheidung von Colleges, die nur in einer ländlichen Region angesiedelt sind, und solchen, die vor allem ihrer ländlichen Umgebung dienen, also „rural serving institutions (RSI)“ sind.

Das Paper macht auch deutlich, dass in der ländlichen Bevölkerung noch deutlich mehr für die Einsicht in den Wert von Hochschulbildung getan werden müsse, denn: „Rural students graduate from high school at a higher rate (80.6%) than the national average (77.8%) (NCES [National Center for Education Statistics], 2015a), but only 29% of rural Americans aged 18-24 are enrolled in postsecondary education (NCES, 2015b). In comparison, 47% of urban students pursue college, despite graduating from high school at a 10% lower rate.” 

 

Sie finden das Paper hier.

Spenden als Vertrauensbeweis?

Der Chronicle of Higher Education befasst sich mit soeben vom Council for Advancement and Support of Education (CASE) vorgelegten Zahlen zum Spendenaufkommen in der US-amerikanischen Hochschullandschaft und zitiert die „bottom line“ mit den Worten: „The $58 billion given to colleges from July 2022 to June 2023 was topped only by 2022 [$59.5 billion].“

Laut CASE seien die Spenden ein Vertrauensbeweis der Spender in Hochschulen und Universitäten und ihre strategische Rolle bei der Veränderung von Leben und Gesellschaft. In den Augen der Spender bildeten Hochschulen und Universitäten Studierende aus und bereiteten sie auf Karrieren, gesellschaftliches Engagement und Führungsaufgaben vor. Hochschulen betrieben Forschung, die allen zugutekomme, und sie leisteten als Anbieter von wichtigen Dienstleistungen und kulturelle Erfahrungen einen direkten Beitrag zur Gesellschaft.

Allerdings konzentrierten sich zuletzt 26,7% des gesamten Spendenaufkommens auf nur 20 Hochschulen, die Zahl der Spender habe insgesamt abgenommen, die Höhe individueller Spenden habe entsprechend zugenommen und ebenso der Anteil institutioneller Spender, was allerdings auch darauf zurückzuführen sein könnte, dass Individuen vermehrt über Familien-Stiftungen spendeten. Zum aktuellen Hintergrund der veröffentlichten Zahlen heißt es: „As the Israel-Hamas war has sparked a wave of campus unrest, higher-ed philanthropists have tried to exert influence on institutions to which they’ve given millions. Much of that donor activism has hit the Ivy League, where philanthropists have threatened to withhold donations over what they said were the colleges’ inadequate responses to Hamas’s October 7 attack on Israel. At Harvard University, the billionaire donor Kenneth Griffin announced he would pause all donations to the university because he didn’t feel campus leaders were taking antisemitism seriously. The University of Pennsylvania lost several megadonors in the months following the war’s outbreak.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Sie finden den CASE-Report hier.

Cadillac of the Industry? Markenwert von Harvard unter Druck

Ein Beitrag der New York Times berichtet von einem Ende Januar an der Yale School of Management organisierten Gipfel von 70 Hochschulpräsidentinnen und -präsidenten, auf dem der Gastgeber in einem Vortrag Hochschulen als Beispiel für die Entwicklung von Markenwert dargestellt und mit Beispielen aus anderen Industrien verglichen habe. Eine Folie habe besonders für Raunen im Saal gesorgt, nämlich der Vergleich von jüngst durch Harvard erfahrener, negativer Aufmerksamkeit mit ähnlichen Schlagzeilen bei Boeing und Tesla. Es heißt: „In other words, Harvard, a centuries-old symbol of academic excellence, was generating as much negative attention as an airplane manufacturer that had a door panel drop from the sky and a car company with a mercurial chief executive and multiple recalls.” Zentrum des Vortrags sei die These gewesen, dass Ruf und Markenkern von Harvard trotz einer nunmehr fast 400-jährigen Geschichte deutlich empfindlicher seien, als es die Verantwortlichen an der Hochschule gerne sehen würden, dass also aus dem „Cadillac of the industry“ mit der Zeit durchaus eine durchschnittliche oder gar unterdurchschnittliche Marke werden könne.

Viele der am Gipfel Teilnehmenden hätten über die befürchtete Erosion der Marke Harvard auch eine Erosion des Ansehens von Hochschulen insgesamt gesehen und entsprechend gefragt: Wenn Harvard sich selbst nicht schützen könne, was geschehe dann mit den anderen Einrichtungen? Könne die Leitung von Harvard hier eine wirksame Antwort finden? Bezüglich des aktuellen Krisengrunds, nämlich den Vorwürfen, Hochschulen würden Antisemitismus dulden oder gar fördern, habe Harvard jetzt Untersuchungen pro-palästinensischer Studenten- und Fakultätsgruppen wegen Veröffentlichung von „deeply offensive antisemitic tropes“ auf sozialen Medien eingeleitet. Harvard ergreife diese Maßnahmen zeitgleich mit Vorladungen des Bildungsausschusses im Repräsentantenhaus an den Interimspräsidenten der Hochschule, den Vorsitzenden des Hochschulrats und den Investmentmanager, die zu Antisemitismusvorwürfen auf dem Campus angehört werden sollten. Hinzu komme Druck namhafter Spender und Unternehmen, die Zuwendungen zurückhalten bzw. keine Absolventen von Harvard mehr einstellen wollten, solange keine klare Position zum jüngsten Konflikt im Nahen Osten deutlich würde. Schließlich griffen vor allem rechtsgerichtete Medien auch die akademische Integrität von Harvard an und schürten den Verdacht, Inklusionsprogramme würden auf Kosten intellektueller Redlichkeit betrieben. Es heißt zu den Folgen des Drucks: „There is already evidence of reputational damage: a 17 percent drop in the number of students applying to Harvard for early admission decisions this year. Other Ivy League schools saw increases.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

Kurznachrichten

Die Effektivität und Effizienz von Forschung an Hochschulen und damit eines ihrer Standbeine wird derzeit ebenfalls in Frage gestellt. Ein im November vom National Bureau of Economic Research (NBER) mit dem Titel „The Effects of Public Science on Corporate R&D” veröffentlichtes Paper kommt zum Schluss, dass mit öffentlichen Mitteln an Hochschulen erzielte Forschungsergebnisse in Konkurrenz zur Wissenserzeugung im privaten Sektor stünden, sie in erster Linie durch die Ausbildung wissenschaftlichen Personals fördere, aber ansonsten eher behindere. Es heißt im Abstract: „Human capital trained by universities fosters innovation in firms. However, inventions from universities and public research institutes substitute for corporate inventions and reduce the demand for internal research by corporations, perhaps reflecting downstream competition from startups that commercialize university inventions. Moreover, abstract knowledge advances per se elicit little or no response.”

 

Sie finden das Paper hier.

 

Ein Beitrag im Economist zeichnet die Argumentation des Papers wie folgt nach: In den 1950er Jahren sei die Grundlagenforschung noch von großen Unternehmen (z. B. Bell Labs, Dupont) gemacht worden. Der Grund dafür seien strenge Antimonopolgesetze gewesen, die den Erwerb von Patenten durch Übernahmen erschwert hätten. Nach einer Lockerung dieser Gesetze und einer gleichzeitigen Steigerung öffentlicher Mittel für die universitäre Forschung hätten sich die großen Unternehmen tendenziell aus der Grundlagenforschung mit dem Ergebnis zurückgezogen, dass die Grundlagenforschung nun immer weniger mit kommerziellen Anwendungen zu tun habe. Wenn an Universitäten große Durchbrüche erzielt worden seien, fänden sie nicht mehr so leicht den Weg in die Unternehmen und die Patentproduktion insgesamt habe in den vergangenen Jahrzehnten gelitten. Es heißt: „The vast fiscal resources devoted to public science, in other words, probably make businesses across the rich world less innovative.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Der Chronicle of Higher Education meldet den vermutlichen Anfang vom Ende des Eastern Gateway Community College in Ohio, das zwischen 2015 und 2020 von 3.000 Studierende auf mehr als 40.000 Studierende gewachsen sei, für das kommende Sommersemester aber keine Studienbewerbungen mehr annehmen würde. Es heißt: „A spokesperson for the Ohio Department of Higher Education declined to offer any specifics on whether or when Eastern Gateway might enroll students again.”

 

Sie finden die Meldung hier.

 

Die New York Times meldet, dass nun auch Yale University wieder Ergebnisse standardisierter Eignungstests (ACT oder SAT) bei der Studienzulassung berücksichtigen, aber die mit der Pandemie eingeführte Politik des „test optional“ nicht vollständig aufheben, sondern als „test flexible“ Hochschule alternativ auch Ergebnisse aus den Programmen Advanced Placement (AP) oder International Baccalaureate (IB) zulassen würde. Es heißt zur Begründung des Schritts, der nach weiter Einschätzung viele andere Hochschulen nachziehen lassen würde: „Yale officials said in an announcement on Thursday that the shift to test-optional policies might have unwittingly harmed students from lower-income families whose test scores could have helped their chances.”

 

Sie finden diese Meldung hier.

 

Laut Inside Higher Education experimentiere die University of Central Florida mit einer Technologie, die statt eines wirklichen Dozierenden dessen bzw. deren Hologramm einblenden werde, um so eine bessere Lernerfahrung zu vermitteln, als es mit Videokonferenzen möglich wäre.

 

Sie finden diese Meldung hier.

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