07.08.2023

Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.

Die Themen dieser Woche:



  • Legacy Admission: Affirmative Action für Wohlhabende
  • Transfer von Studienleistungen: Stolpersteine auf dem Weg zum Bachelor
  • What if We’re the Bad Guys Here?
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir befassen uns dieser Ausgabe mit einer wohl nicht intendierten Folge des Verbots von Affirmative Action bei der Studienzulassung zu hochselektiven Colleges und mit unzureichenden Möglichkeiten, sich in den USA Studienleistungen beim Wechsel der Hochschule anerkennen zu lassen. Wir werfen zudem einen Blick auf eine mögliche Mitverantwortung von Bildungseliten an populistischen Tendenzen in der Politik und – wie immer – auf verschiedene Kurznachrichten.

 

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.

 

Herzliche Grüße,

 

Stefan Altevogt

Legacy Admission: Affirmative Action für Wohlhabende 

Als ein Nebeneffekt der kontroversen Diskussion um das Verbot von Affirmative Action durch den US Supreme Court, also der Berücksichtigung ethnischer Kriterien bei der Zulassung zu hochselektiven Colleges, werden derzeit verstärkt auch andere „Seiteneingänge“ in die Anfängerklassen der begehrtesten Hochschulen des Landes ausgeleuchtet, allen voran die sogenannte „Legacy Admission“, also die Bevorzugung von Kindern von Alumni der jeweiligen Hochschule.

Ein Beitrag in der New York Times macht an Hand einiger Zahlen Umfang und möglicherweise auch Relevanz des Phänomens deutlich und legt nahe, dass elterlicher Reichtum wie ein akademisches Qualitätskriterium bei Bewerbern angesehen würde. Es heißt: „At Ivy League schools, one in six students has parents in the top 1 percent [of the income distribution].”

Der Beitrag stützt sich auf eine im Juli veröffentlichte Untersuchung des National Bureau of Economic Research (NBER), die von der Feststellung ausgeht, dass Führungspositionen in den USA weit überproportional von Absolventen einiger weniger Universitäten besetzt würden, der „Ivy-Plus“, nämlich Ivy-League (Dartmouth, Brown, Yale, Cornell, Columbia, Harvard, Princeton und University of Pennsylvania) plus Stanford, MIT, Duke und University of Chicago. Sollten diese Hochschulen, so die Frage der Untersuchung, nicht ihre Zulassungspolitik ändern und damit dazu beitragen, dass die US-amerikanische Führungselite sozioökonomisch diverser würde.

Im Beitrag heißt es zu den Zahlen: „In effect, the study shows, these policies amounted to affirmative action for the children of the 1 percent, whose parents earn more than $611,000 a year. It comes as colleges are being forced to rethink their admissions processes after the Supreme Court ruling that race-based affirmative action is unconstitutional.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Sie finden die Untersuchung hier.

 

Ein Beitrag im Chronicle of Higher Education befasst sich mit der Rolle des US-amerikanischen Bildungsministeriums in der Frage der Legacy Admission und verweist auf eine entsprechende Richtlinienkompetenz, die den Hochschulen die gezielte Bevorzugung von Studienbewerbern aus wohlhabenden Elternhäusern untersagen könnte. Die Frage sei allerdings, ob das Ministerium dies wolle, denn ein Verbot wäre derzeit nur über den Umweg möglich, in der Legacy Admission eine Verletzung von Civil Rights-Bestimmungen festzustellen, denn die Nutznießer der Legacy Admission seien weit überwiegend Weiße. Eine solche Feststellung sei allerdings zum einen in der Sache eher unwahrscheinlich und würde zum anderen auch Jahre bis zu einer Umsetzung dauern. Insofern sei nicht mit einem Verbot durch das Bildungsministerium zu rechnen, wohl aber mit dem Verzicht auf Legacy Admission durch einzelne Hochschulen.

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

Der jüngste Verzicht auf Legacy Admission an der mit einer Zulassungsquote von 16% ebenfalls selektiven Wesleyan University wird in einem Beitrag des Chronicle of Higher Education als eine medienwirksame aber für die Hochschule vergleichsweise folgenlose Entscheidung beschrieben, die aber Schule machen könne. Es heißt: „James Murphy, deputy director of higher-education policy at Education Reform Now, said that even if the effect of Wesleyan’s decision is small, it’s a good thing. (...) Murphy expects that other colleges will drop the practice in the near future.”

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

Transfer von Studienleistungen: Stolpersteine auf dem Weg zum Bachelor

In der US-amerikanischen Hochschullandschaft gilt besonders für Kinder aus einkommensschwachen Elternhäusern der Weg über ein vergleichsweise kostengünstiges Community College als eine praktikable Möglichkeit, nach zwei Jahren dort an ein vierjähriges College zu transferieren, dort dann einen Bachelor-Abschluss zu machen und damit schließlich in entsprechend höhere Einkommenssphären aufsteigen zu können. Mit diesem Ziel bietet zum Beispiel das öffentlich finanzierte Hochschulsystem der Stadt New York (City University of New York oder kurz CUNY) integrierte, vierjährige Bachelor-Studiengänge an, die an einem der Community Colleges des Systems beginnen. So heißt es auf der CUNY-Webseite: „Community college students who transfer to a CUNY four-year college for their bachelor’s can expect a smooth process and enjoy the many benefits of staying within the CUNY system.”

 

Sie finden die Webseite hier.

 

Im öffentlich finanzierten California Community College (CCC) System wird ebenfalls den etwa 80.000 Studierenden dieser Hochschulen ein Transfer an einen Campus der eher berufsbezogenen California State University (Cal State) in Aussicht gestellt und von fast 40.000 Studierenden werde diese Gelegenheit dann laut CCC-Webseite insofern wahrgenommen, als sie eine Zulassungsgarantie für ein weiterführendes Studium erhielten. Es heißt: „Every year, nearly 40,000 California community college students earn an Associate Degree for Transfer that guarantees them admission as juniors to a Cal State campus and other participating universities – that’s why we call it the Degree with a Guarantee.”

 

Sie finden diese Webseite hier.

 

Ein Beitrag im Chronicle of Higher Education befasst sich allerdings mit dem Problem, dass an vielen Orten der USA der Übergang von einem Community College an eine vierjährige Hochschule und damit der Weg zu einem vergleichsweise kostengünstigen Bachelor Degree deutlich schwieriger gangbar sei als es die Webseiten von CCC und CUNY vermuten lassen. Seit Jahrzehnten werde im Hochschulbereich über die Verbesserung der Übertragbarkeit von Studienleistungen gesprochen, doch wirklich passiert sei relativ wenig und Studierende würden selbst beim Übergang zwischen zwei Hochschulen, die von der Papierform gut zueinander passten, immer wieder Credits verlieren. Studienplatzwechsler müssten schmerzlich erfahren, dass das amerikanische Hochschulsystem weniger ein System ist, als vielmehr ein Flickenteppich konkurrierender Einrichtungen mit frustrierenden Mischungen aus bürokratischer Trägheit und institutionellen Eigeninteressen. Es heißt: „The barriers hide in the granularity, where bureaucratic inertia meets institutional self-interest – in the enrollment strategies of the university and its academic departments, in the attitudes of individual faculty members, in the individual interactions between advisers and students, and in the compatibility of something as seemingly inconsequential as course names and numbers.”

Diese Problematik drohe das Vertrauen der Öffentlichkeit in Hochschulbildung zu verspielen, denn von den 80% der Studierenden, die ein Community College mit Transfer-Absichten besuchten, schafften lediglich 25% dann den Sprung auch zu weniger selektiven, öffentlich finanzierten Einrichtungen. Würden sie dann dort zur Wiederholung von Kursen gezwungen, könnten sie sehr leicht zu dem Schluss kommen, die Hochschulen wollten Geld an den Transfer-Studierenden verdienen. Dies sei ein wesentlicher Engpass im Bildungssystem und einer der Hauptgründe dafür, dass es mehr als 40 Mio. Amerikaner mit einigen College Credits, aber ohne Abschluss gäbe. Es heißt: „To understand why so many students fail to earn a diploma, you need to start by looking at just how difficult it is to transfer credits from one institution to another.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

What if We’re the Bad Guys Here?

Mit Blick auf die im kommenden Jahr anstehenden Präsidentschaftswahlen und die derzeitigen Umfrageergebnisse, die eine Wahl von Donald Trump nicht unwahrscheinlich erscheinen lassen, fragt David Brooks in einem Beitrag für die New York Times unter der Überschrift „What if We’re the Bad Guys Here?“ nach Gründen für die folgende Beobachtung: Bei den Präsidentschaftswahlen 2020 hätte Joe Biden in etwa 500 Landkreisen und Kommunen die Mehrheit der Stimmen bekommen, Trump aber in 2.500. Die von Trump gewonnenen Counties repräsentierten allerdings lediglich 29% der US-amerikanischen Wirtschaftsleistung, die von Biden gewonnenen entsprechend 71%. Dieses Auseinanderklaffen der Gesellschaft sei zum Teil auch der Idee von Meritokratie geschuldet und einer Selbstsegregierung hochschulgebildeter Schichten in liberale Oasen. Bewaffnet mit wirtschaftlicher, kultureller und politischer Macht unterstützten die meritokratischen Eliten eine Politik, die lediglich ihnen selber helfe. Der freie globale Handel mache die Produkte billiger, die sie kauften und es seien dabei im Wesentlichen nicht die Arbeitsplätze der Eliten, die nach China verlagert würden. Liberale Einwanderungsbestimmungen machten weniger gebildetes Dienstleistungspersonal günstiger, aber es sei unwahrscheinlich, dass die oberen Gehälter durch Zuwanderung unter Druck gerieten.

Wie alle Eliten benutze die meritokratische Elite der USA Sprache und Umgangsformen als Mittel, um sich gegenseitig zu erkennen und andere auszugrenzen. Die richtige Verwendung von Wörtern wie „problematisch“, „cisgender“, „Latinx“ oder „intersectional“ sei ein sicheres, aber eben auch problematisches Zeichen für ein entsprechendes kulturelles Kapital. Weniger gebildete Schichten liefen wegen der ständig von geänderten Regeln wie auf Eierschalen, müssten befürchten, wegen eines Verhaltens gefeuert zu werden, das vor fünf Jahren noch als „normal“ durchgegangen wäre.

Es sei daher leicht zu verstehen, warum Menschen aus weniger gebildeten Schichten zu dem Schluss kämen, sie würden wirtschaftlich, politisch, kulturell und moralisch attackiert. Sie scharten sich daher um Trump als ihren besten Kämpfer gegen die gebildete Klasse. Er habe verstanden, dass es nicht die Unternehmer seien, die den Arbeitnehmern am bedrohlichsten erschienen, sondern die Klasse hochschulgebildeter Fachkräfte. Trump habe verstanden, dass es einen große Sehnsucht nach einer „Führer“-Persönlichkeit gebe, die den liberalen und gebildeten Gewinnern der Meritokratie den Daumen ins Auge stecke und das gesamte epistemische Regime ablehne, auf dem es noch stolz herumreiten würde. Er schreibt: „As the sociologist E. Digby Baltzell wrote decades ago, ‘History is a graveyard of classes which have preferred caste privileges to leadership.’ That is the destiny our class is now flirting with. We can condemn the Trumpian populists until the cows come home, but the real question is: When will we stop behaving in ways that make Trumpism inevitable?”

 

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Kurznachrichten

Die New York Times befasst sich mit einem Konflikt in um die Curricula des Mathematikunterrichts an kalifornischen Oberschulen, konkret, ob Algebra II nicht durch Data Science substituiert werden könne, um bislang an den Hochschulen unterrepräsentierten Schichten bessere Chancen auf Partizipation einzuräumen und Mathematik insgesamt attraktiver zu machen. Es heißt: „Allowing data science, the universities said, was an ‘equity issue’ that could send more students to college. But it also raised concerns that some teenagers would be channeled into less challenging coursework, limiting their opportunities once they got there. Now, the California experiment is under review.”

 

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Während sich deutsche Medien (etwa Der Spiegel) derzeit mit der späten Kritik des Bundesbildungsministeriums an der Eröffnung einer Filiale der Hochschule Bielefeld im chinesischen Hainan befasst, fragt der Economist, ob derartige Joint Ventures zwischen westlichen Hochschulen und China grundsätzlich zukunftsfähig seien. Der Beitrag ist skeptisch, denn es gäbe einen nur schwer zu überwindenden Zielkonflikt zwischen akademischer Freiheit und Kontrollverlangen der chinesischen Regierung. Es heißt: „Since Xi Jinping took over as China’s leader in 2012, he has tightened controls over university education. Several liberal scholars have been dismissed. Lecturers have been ordered to stop using imported textbooks that are deemed to promote Western values. Universities have been told to become ‘strongholds of the Communist Party’s leadership’.”

 

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Inside Higher Education zitiert Zahlen aus einem neuen Bericht der Presidents’ Alliance on Higher Education and Immigration, der zusammen mit Shorelight Education vorgelegt worden sei und belege, dass aus Afrika gestellte Anträge für Studierendenvisa in den USA mittlerweile in mehr als 50% der Fälle abgelehnt würden und dass die Ablehnungsquote damit um Faktor fünf höher läge als bei Anträgen aus Europa. Es heißt: „Rajika Bhandari, senior adviser at the Presidents’ Alliance, said the research confirms a trend that those involved in international higher education have long suspected.”

 

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Newswise zitiert Zahlen aus einer im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlichten Untersuchung, der zufolge afroamerikanische Studierende verglichen mit ihren weißen Kommilitonen mit 83% höherer Wahrscheinlichkeit am Versuch scheiterten, gleichzeitig einen medizinischen Abschluss (M.D.) und einen wissenschaftlichen Abschluss (Ph.D.) zu erreichen.

 

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Sie finden die Untersuchung hier.

 

Die New York Times meldet die außergerichtliche Einigung zwischen Texas A&M University und der von ihr nicht eingestellten Journalistik-Professorin Kathleen McElroy (wir berichteten) und schreibt: „Texas A&M University acknowledged on Thursday that top university officials, fearing criticism from conservatives, had made ‘significant mistakes’ in their failed effort to hire a prominent Black professor to run the university’s journalism program. It said it had reached a $1 million settlement with the professor.”

 

Sie finden die Meldung hier.

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