05.09.2023

Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.

Die Themen dieser Woche:



  • Hochschulen und künstliche Intelligenz
  • Legacy Admission: Affirmative Action für Wohlhabende
  • Unzuverlässige Grundfinanzierung durch Bundesstaaten
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir befassen uns dieser Ausgabe mit der und mit Aspekten der Anwendung künstlicher Intelligenz beim Hochschulzugang und mit der Legacy Admission, also der bevorzugten Zulassung von Kindern von Alumni an hochselektiven Colleges. Wir werfen zudem einen Blick auf die Volatilität der bundesstaatlichen Grundfinanzierung öffentlicher Hochschulen in den USA und – wie immer – auf verschiedene Kurznachrichten.

 

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.

 

Herzliche Grüße,

 

Stefan Altevogt

Hochschulen und künstliche Intelligenz

Seit Computerprogramme auch sinnvoll klingende Texte verfassen können (wenn man einen Pflock einschlagen möchte, dann vielleicht seit dem Erscheinen von ChatGPT3 im vergangenen Herbst), wird die Frage zunehmend laut diskutiert, welche Rolle den sog. „college admission essays“ noch beizumessen werden solle, den Aufsätzen also, die künftige Studierende ihren Bewerbungen beifügen und die vor allem bei hochkompetitiven Hochschulen bei ansonsten gleichem Notendurchschnitt aus der Oberschule, extrakurrikularen Leistungen und hervorragendem sozialen Engagement den Ausschlag über Zu- oder Absage geben können.

Ein Beitrag in der New York Times befasste sich vor diesem Hintergrund zuletzt mit der Frage, ob die Existenz Text-generierender KI-Programme nur das Risiko erhöhe, dass Zulassungsstellen von Hochschulen mit nur wenig authentischen Bewerbungsaufsätzen bombardiert würden, oder ob die Existenz nicht vielmehr das Zulassungsgeschäft demokratisieren würden. Hintergrund des letztgenannten Gedankens ist der Strauß an Hilfsmitteln, der Bewerberinnen und Bewerbern aus einkommenskräftigen Elternhäusern bereits vor ChatGPT zur Verfügung gestanden habe, also etwa Coaches oder gar Ghost Writer. Es heißt: „Other educators said they hoped the A.I. tools might have a democratizing effect. Wealthier high school students, these experts noted, often have access to resources – alumni parents, family friends, paid writing coaches – to help them brainstorm, draft and edit their college admissions essays. ChatGPT could play a similar role for students who lack such resources, they said, especially those at large high schools where overworked college counselors have little time for individualized essay coaching.”

Bemerkenswert sei die Entwicklung allerdings auch vor dem Hintergrund der jüngsten Entscheidung des Supreme Court gegen die Anwendung von Affirmative Action auf Grundlage reiner ethnischer Zugehörigkeit, denn nun könne den Aufsätzen von Studienbewerberinnen und -bewerbern eine noch größere Rolle zufallen. Ein Risiko gelte es allerdings in jedem Fall zu vermeiden: Würden keiner mehr selber schreiben, sondern nur noch von KI schreiben lassen, würden wohl alle rasch die Fähigkeit zum schriftlichen Ausdruck verlieren.

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Über Zulassung an kompetitiven Hochschulen hinaus lassen sich Computerprogramme einem Beitrag im Chronicle of Higher Education zufolge auch dazu einsetzen, den Besuch einer Hochschule nur vorzutäuschen und für den Besuch Fördermittel, zum Beispiel aus dem Pell Grant Programm des Bundes, einzusammeln. Hochschulen mit einer „open admission policy“, in der Regel Community Colleges, an der sich jeder mit einer Hochschulzugangsberechtigung einschreiben könne, seien vor allem seit dem pandemiebedingten Umzug des Unterrichts in den Cyberspace vermehrt Opfer von sog. „ghost students“ geworden, Kriminellen also, die sich mit Hilfe von Bots oder automatisierten Softwareprogrammen an den Hochschulen einschreiben und auf gleiche Weise am Unterricht „teilnehmen“ würden, um die für die Fördermittel notwendigen Studienbescheinigungen zu erhalten. Es heißt: „In 2021, the Peralta Community College District in California doled out $179,000 to more than 3,000 fraudulent applicants. Last spring, 29 fake students stole more than $22,418 in Pell Grant funds from the City College of San Francisco. And almost 460,000 applications, or a fifth of those submitted to the California Community Colleges system this year, were fraudulent, according to an investigation by the San Francisco Chronicle. Across the nation, Des Moines Area Community College, Portland Community College, and Salt Lake Community College have also been victims of such scams.”

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

Legacy Admission: Affirmative Action für Wohlhabende

In einem Video der New York Times melden sich fünf Studierende zu Wort, die sich sicher sind, dass ihre Zulassung zu einem Studium an einer hochkompetitiven Universität wesentlich dadurch begünstigt worden sei, dass ihre Eltern zu Absolventen der Hochschule gehörten. Ihr Tenor: „We Benefited from Legacy Admissions. And We Want It to End.” Einer der Interviewten nennt Legacy Admissions ausdrücklich „Affirmative Action for the Rich” und die Interviews machen auf die Zweischneidigkeit dieses Verfahrens aufmerksam. Zwar höre man nach einer Zulassung zu einem Studium an einer Einrichtung mit kleiner einstelliger Zulassungsquote die Ansprachen von Hochschulleitungen zu Semesterbeginn sehr gerne, dass die Harvards, Stanfords, Princetons und Yales dieser Welt keine Fehler bei ihren Zulassungsentscheidungen machten und die Zugelassenen demnach wirklich zu den Allerbesten gehören müssten, die das Land zu bieten hätte. Auf der anderen Seite könnten dann aber doch Zweifel an einem nagen, dass letztlich der Legacy-Status den entscheidenden Ausschlag gegeben haben könnte und möglicherweise auch die Aussichten der Fundraiser, bei den Eltern auf noch mehr Wohlwollen zu stoßen. Eine Absolventin der Brown University (Ivy League und Acceptance Rate von zuletzt 5%) wird dazu mit den Worten zitiert: „It’s painful for me to think that all of my hard work in high school was so irrelevant compared to the fact that I was able to check the box that my dad went there. There is a pretty natural human shame in admitting that you might not have earned something.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

Unzuverlässige Grundfinanzierung durch Bundesstaaten

Ein Beitrag im Chronicle of Higher Education befasst sich mit der Grundfinanzierung überwiegend öffentlich finanzierter Hochschulen durch die jeweiligen Bundesstaaten, die sich zuletzt (2022) auf über $108 Mrd. summiert hätten, aber für die Hochschulen nur schwer kalkulierbaren Schwankungen unterworfen sei. Es heißt: „Nationwide higher-education support has shrunk from 10.2 percent of total state budgets in the 2019 fiscal year (before the pandemic) to 8.7 percent in the 2022 fiscal year. That rapid change in spending levels over a short period has resulted in an unpredictable environment. Predictability is crucial for effective planning and budgeting, and surprises can strain an institution or state system even in times of increased funding.”

Gegenwärtig sähen sich die „Öffentlichen“ zudem einem weiteren Problem gegenüber, dass nämlich die während der Pandemie durch den Bund ausgegebenen Sondermittel auslaufen würden und damit die bundesstaatlichen Budgets, in denen Ausgaben für Hochschulen dem Umfang nach an dritter Stelle rangierten, im ganzen Land ins Wanken gerieten. In Connecticut drohten zum Beispiel den öffentlichen Einrichtungen im nächsten zweijährigen Haushaltszyklus Kürzungen von bis zu einem Fünftel ihrer Gesamtbudgets, wobei die meisten Kürzungen die regional bedeutsamen Einrichtungen des Staates betreffen würden, sprich Community Colleges. Der Beitrag basiert auf Daten aus dem Paper „Volatility in State Spending for Higher Education“ von Christopher R. Marsicano (Davidson College), Jenna W. Kramer (RAND) und Steven Pittenger Gentile (Tennessee Higher Education Commission) und enthält für jeden Bundesstaat eine grafische Darstellung der jeweiligen Entwicklungen zwischen 1992 und 2016, die nicht selten zweistellige Auf- und Abwärtsbewegungen von Haushaltsperiode zu Haushaltsperiode verzeichnen.

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Im Zusammenhang mit der Volatilität bundesstaatlicher Grundfinanzierung lassen sich vielleicht auch die Pläne der University of West Virginia (UWV) zur Schließung aller Fremdsprachenprogramme betrachten. Sie wird in einem Beitrag der New York Times allerdings eher aus der Perspektive kommentiert, dass damit auch den einkommensschwächeren und damit stärker auf die Bildungsversorgung durch öffentlich finanzierte Hochschulen angewiesenen Teilen der Bevölkerung der Zugang zu einer Liberal Arts Education erschwert würde. Es heißt: „The university is deciding, in effect, that certain citizens don’t get access to a liberal arts education.” 

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

Kurznachrichten

Inside Higher Education meldet die Akkreditierung von gemeinsam vom Idaho-Campus der Brigham Young University und dem Ensign College entwickelten, um Wahlfächer reduzierte und damit auf drei Jahre Regelstudienzeit ausgelegten Bachelor-Studiengängen in mehreren Bereichen. Es heißt: „The Northwest Commission on Colleges and Universities approved the seven programs – each of which requires between 90 and 94 credit hours instead of the standard 120 – at its June meeting and sent a formal approval letter late last month.”

 

Sie finden die Meldung hier.

 

Die New York Times meldet den Rücktritt des Präsidenten von Yale University, Peter Salovey, und zieht unter anderem eine monetäre Bilanz seiner elf Jahre im Amt: „During Dr. Salovey’s time as president, Yale’s endowment doubled in size to more than $40 billion. An ongoing fund-raising campaign has collected $5 billion toward a goal of $7 billion.” Aber nicht nur wohlhabender sei Yale während seiner Amtszeit geworden, sondern auch vielfältiger: 22% des jüngsten Freshmen-Jahrgangs seien bezugsberechtigt für einkommensabhängige Pell Grants, 21% kämen aus bildungsfernen Elternhäusern, 14% seien African American und 18% Latinos.

 

Sie finden diese Meldung hier.

 

Kanadische Hochschulen wehrten sich einem Beitrag auf Global News zufolge gegen eine geplante Beschränkung der Zahl internationaler Studierender im Land als Reaktion auf einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum und verwiesen auch auf die Bedeutung der von diesen bezahlten Studiengebühren für die Finanzierung der Hochschulen. Der Beitrag zitiert die Sprecherin des nationalen Hochschulverbands Universities Canada mit den Worten: „Recent comments [einiger kanadischer Politiker] conflating international students and the housing crisis are deeply concerning to Universities Canada and our members.“

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Der Hochschulverband Universities Canada fordert von der kanadischen Bundesregierung als Reaktion statt dessen eine Führungsrolle bei der Beseitigung der Wohnungsnot auf systemischer Ebene unter anderem durch erleichterten Zugang zu kostengünstigen Finanzierungen und einer Ausweitung der Fördermöglichkeiten für Wohnungsbauprogramme im Rahmen einer nationalen Wohnungsbaustrategie. Es heißt: „Canada’s universities are committed to working with all levels of government to address the housing needs of students and all Canadians in a responsible and sustainable way.”

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

Nach Postdocs und wissenschaftlichen Mitarbeitenden an US-Hochschulen versuchten sich einem Beitrag im Chronicle of Higher Education zufolge nun auch studentische Hilfskräfte an gewerkschaftlicher Organisation zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. Es heißt: „While growth in faculty unionization has remained stagnant, student-worker unionizations have skyrocketed, amounting to an ‘extraordinary and historic’ phase of student-labor organizing.”

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

Inside Higher Education meldet die vorübergehende Festnahme zweier Gewerkschaftsmitarbeiter auf dem Gelände des Harrisburg Area Community College in Lancaster, Pennsylvania, nachdem sie sich geweigert hätten, dem Hausrecht der Hochschule Folge zu leisten und das Gelände zu verlassen. Es heißt: „The college called the union’s action a ‘publicity stunt’ that was “orchestrated so that they would be arrested’.”

 

Sie finden diese Meldung hier.

 

Ein Beitrag auf University Affairs befasst sich unter der Überschrift „The excellence dilemma“ mit einen möglichen Zielkonflikt zwischen wissenschaftlicher Exzellenz von Forschungshochschulen und anderen, eher gesellschaftlichen Fortschritten wie Gleichbehandlung, Vielfalt und Integration. Ein Fokus auf purer Exzellenz sei in der akademischen Gemeinschaft nicht mehr unumstritten, vielmehr herrsche eine Debatte darüber, ob nicht auch Gleichbehandlung, Vielfalt und Integration (Equity, Diversity and Inclusion, EDI) oder die Sustainable Development Goals (SDGs) als Kriterien für die öffentliche Forschungsförderung herangezogen werden sollten.

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

Abschließend eine Meldung auf Inside Higher Education, die eine Ahnung von den Dimensionen und der Bedeutung des US-amerikanischen College-Sports vermittelt: „The University of Nebraska at Lincoln women’s volleyball team set a record for highest attendance at a women’s sporting event with 92,003 fans filling the stands at Memorial Stadium on Aug. 30.“

 

Sie finden diese Meldung hier.

Facebook  Twitter  Instagram