Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada. | |
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Die Themen dieser Woche:
- Hochschulbildung in den USA: Vertrauensverlust und mögliche Gründe
- Ein weiterer Blick nach Kanada
- Renaissance von SAT und ACT? Dartmouth macht eine Kehrtwende
- Kurznachrichten
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Liebe Leserinnen und Leser,
wir befassen uns in dieser Ausgabe mit möglichen Gründen für den fortschreitenden Vertrauensverlust der US-Bevölkerung in den Nutzen von Hochschulbildung und ein weiteres Mal mit der Entscheidung der kanadischen Bundesregierung, die Zahl der in diesem Jahr auszugebenden Studierendenvisa auf 360.000 zu begrenzen. Wir werfen zudem einen Blick auf die Wiedereinführung von SAT bzw. ACT bei der Studienzulassung am Dartmouth College und – wie immer – auf verschiedene Kurznachrichten.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.
Herzliche Grüße,
Stefan Altevogt
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Hochschulbildung in den USA: Vertrauensverlust und mögliche Gründe | |
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Der Chronicle of Higher Education hat im Herbst vergangenen Jahres in den USA eine repräsentative Umfrage zur Frage durchführen lassen, welche Werte Hochschulbildung zugemessen würden. Die Umfrageergebnisse lassen sich nach fünf verschiedenen demografischen Gruppen filtern und danach sortieren, welche Kategorie die Befragten bewertet oder welche Antwort sie gegeben haben.
Die Ergebnisse zeigten laut Chronicle je nach Untergruppe und je nachdem, welche Aspekte der Hochschulen die Menschen in Betracht ziehen würden, deutliche Unterschiede, etwa bei der grundsätzlichen Frage: „Is college worth it?“ Unter dieser Überschrift habe man Absolventen nach einer persönlichen Kosten-Nutzen-Abwägung für den jeweiligen Associate- oder Bachelorabschluss gefragt und einsehen müssen, dass immerhin 21% meinten, dass sich der Collegebesuch für sie jeweils nicht gelohnt habe, unter Absolventen von zweijährigen Community Colleges 24% und unter Angehörigen von Familien mit Jahreseinkommen von unter $50.000 stattliche 37%.
In den USA kommen im Wesentlichen fünf Alternativen zu einem Collegebesuch in Frage, nämlich „Trade School“, „Work Apprenticeship“, „Union Membership“, „Military Service“ und „Other Professional or Technical Training“. Die betriebliche Ausbildung (Work Apprenticeship), wie wir sie in Deutschland kennen, ist in den USA deutlich weniger verbreitet als etwa die Berufsausbildung innerhalb einer Gewerkschaft (Union Membership) oder der Besuch einer Trade School, wobei hier die Grenzen zu Ausbildungsgängen an Community Colleges abseits eines Associate Degrees (etwa Krankenpflegehilfe, Feuerwehr, Klimaanlagenreparatur, Schweißen etc.) fließend sein dürften. Die Ausbildung beim Militär als zum Beispiel KFZ-Schlosser, Flugzeug- oder Waffenmechaniker (Military Service) ist allein schon wegen der Größe des US-Militärs nennenswert und in der Rubrik „Other Professional or Technical Training“ dürfte sich dann der Rest versammeln, der nicht eindeutig in die vier anderen Kategorien passt. Bemerkenswert an den Umfrageergebnissen ist die Anzahl derjenigen, die Trade Schools (37%), Work Apprenticeship (33%) und Other Professional or Technical Training (33%) für eine sinnvolle Alternative zum einem Hochschulbesuch halten, verglichen mit Military Service (23%) und Union Membership (20%).
Sie finden die Umfrageergebnisse hier.
In einer Serie von Beiträgen unter der Überschrift „The Public Perception Puzzle“ geht der Chronicle of Higher Education der Frage nach, was hinter dem allgemein zu beobachtenden Vertrauensverlust der US-Bevölkerung in den Wert von Hochschulbildung stecken könnte. Einer der Autoren (Eric Kelderman) wird mit den Worten zitiert: „Americans still believe in the value of a college credential, but they aren’t convinced higher education is fulfilling its promise to society.” Für Kelderman und seine an der Serie mitarbeitenden Kollegen Sara Lipka, Francie Diep und Brock Read scheint es eher ein Problem der öffentlichen Wahrnehmung des Werts von Hochschulbildung zu sein und sie heben hervor, dass 79% der Hochschulabsolventen eine positive Einschätzung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses ihrer jeweiligen Ausbildung hätten und immerhin noch 57% derjenigen, die diesbezüglich eine negative Ansicht hätten, anderen Menschen einen Bachelor-Abschluss empfehlen würden. Dass nur 30% der Befragten glaubten, Hochschulen würden einen „excellent job“ oder wenigstens „very good job“ hinsichtlich sozialer Mobilität leisten, scheint dabei ebenso wenig zu stören wie die parteipolitische Spreizung der Antworten auf die Frage, ob Hochschulen hervorragende oder wenigstens sehr gute Ergebnisse in ihren Bemühungen erzielten, ihre Absolventen auf das Berufsleben vorzubereiten. Hier stimmten 56% der Demokraten zu, aber nur 36% der Republikaner und 33% derjenigen ohne Parteipräferenz.
Eine mögliche Lösung des Wahrnehmungsproblems scheint den Autoren zufolge wohl in einer Entpolitisierung von Hochschulen zu liegen. Hierzu wird die Autorin des Chronicle Beitrags „Who Should Shape What Colleges Teach?“, Emma Pettit, mit den Worten zitiert: „Majorities of survey respondents think four-year colleges positively influence students’ ways of thinking over all and their personal values. Far fewer answered the same when asked about students’ political views.”
Sie finden die Serie hier.
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Ein weiterer Blick nach Kanada | |
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In der vergangenen Ausgabe hatten wir uns mit ersten Reaktionen auf die Entscheidung der kanadischen Bundesregierung befasst, die Zahl der in diesem Jahr auszugebenden Studierendenvisa auf 360.000 zu begrenzen und damit gegenüber dem Vorjahr um 35% zu reduzieren.
In einem mit „International students as problems and solutions“ überschriebenen Beitrag befassten sich Lisa Brunner und Roopa Desai Trilokekar in University Affairs Anfang des Monats mit den verschiedenen Perspektiven auf die Probleme, die die kanadische Regierung zu diesem Schritt veranlasst hätten, und sie zitieren den Immigrationsminister, Marc Miller, mit den Worten: „Provinces are making money off this [the high number of international students]. Institutions are making money off this. The Government of Canada is the only one sitting at the bar not drinking, and we’re about to get stiffed with the bill.”
Es lasse sich kaum leugnen, dass es die Studiengebühren der Internationalen den Provinzen ermöglicht habe, das Problem stagnierender Finanzierung der postsekundären Einrichtungen zu ignorieren und gleichzeitig die Aufgaben der Hochschulen zu erweitern. Aber die kanadische Bundesregierung hätte den internationalen Erfolg der kanadischen Bildungsindustrie nicht zugelassen, wenn sie selbst nichts von dem Geschäft hätte. Zwar hätten die Hochschulen in den späten 1970er Jahren den internationalen Vermarktungsprozess zu einem Zeitpunkt eingeleitet, als klar gewesen sei, dass von internationalen Studierenden höhere Studiengebühren hätten erhoben werden dürfen, doch hätten Regierungen auf beiden Seiten des politischen Spektrums das Werben um internationale Studierende als Teil ihrer jeweiligen Strategien um die Entwicklung des „human capital“ in Kanada verstanden. Es heißt: „International students were (...) described as ‘excellent candidates for permanent residency’ whose significant economic contributions were ‘felt right across the country.” Both strategies extensively discussed Canada’s need to compete globally for such an “important source of revenue and human capital’.” Jahrzehntelang habe die Bundesregierung internationale Studierende als Lösung für zahlreiche politische Probleme benutzt – insbesondere hinsichtlich des Mangels an Arbeitskräften und Wirtschaftsmigranten – bis internationale Studierende in ihren Augen plötzlich zum Problem geworden seien.
Für die inhaltliche Verbindung von „international education“ und „migration“ wird dann der Begriff „edugration“ eingeführt und dargestellt, warum beide, eigentlich synergetische Bereiche, gelegentlich aus dem gemeinsamen Takt geraten können, so wie es derzeit in Kanada der Fall sei, und wie es in Australien vor einigen Jahren der Fall gewesen sei, freilich, ohne dass Kanada daraus seine Lehren hätte ziehen können.
Anstatt jetzt in Kanada darüber zu streiten, wer die Schuld an der gegenwärtigen Situation trage oder „die Rechnung bezahlen müsse“, solle der Blick doch besser nach vorne gerichtet werden. Dazu müsse man zwei zentrale Fragen stellen: Wolle man erstens weiterhin ein internationales Bildungsmodell unterstützen, das auf Ausbeutung beruhe, einem Wohlstandstransfer vom globalen Süden in den globalen Norden. Zweitens solle man sich (wieder) über die gesellschaftliche Rolle von Hochschulen klar werden und entsprechende finanzielle Verpflichtungen der öffentlichen Hand dauerhaft eingehen, so dass die Deckungsbeiträge der Internationalen weniger systemrelevant würden.
Sie finden den Beitrag hier.
Ein weiterer Beitrag befasst sich in University Affairs mit dem Sonderweg der kanadischen Provinz Quebec, die im November letzten Jahres mit einem „Einwanderungsplan 2024-25“ besondere Anreize für internationale Studierende angekündigt habe und damit vor allem Studierende frankophoner Studiengänge im Rahmen des Graduiertenprogramms „Quebec Experience Program“ (PEQ) willkommen heiße. Durch das PEQ könne das Einwanderungsverfahren in Québec so beschleunigt werden, dass Bewerber mit dem „selection certificate“ einen obligatorischen Schritt auf dem Weg zur Daueraufenthaltsgenehmigung in nur wenigen Wochen vollziehen könnten, statt wie bisher Monate darauf zu warten.
Der jüngste Schritt der Provinzregierung sei allerdings nur eine Momentaufnahme in einem in den vergangenen Jahren von Höhen und Tiefen geprägten Wechselspiel von „international education“ und „migration“. Es heißt zu den dem Einwanderungsplan 2024-25 vorausgegangenen Schritten: „In 2019, the Quebec government suspended the PEQ graduate stream. Then that year, it announced its intention to only allow access to students in fields affected by labour shortages. Following widespread outcry over the decision, the government backed down and reverted to the old system, though it remained intent on reforming the program. In May 2020, certain eligibility requirements were added. Students now had to prove they had acquired at least one year of full-time work experience in Quebec. Processing times also increased from 20 days to six months. The move provoked yet another firestorm of criticism.”
Sie finden diesen Beitrag hier.
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Renaissance von SAT und ACT? Dartmouth macht eine Kehrtwende | |
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Ergebnisse standardisierter Test wie dem früher auch Scholastic Aptitude Test genannten SAT oder dem früher auch American College Test genannten ACT waren in den vergangenen Jahren in den Zulassungsverfahren kompetitiver Hochschulen ein wenig aus der Mode geraten, weil die Testergebnisse vor allem auch Auskunft zur sozioökonomischen Herkunft der Getesteten geben. Führende Hochschulen des Landes verzichteten daher zunehmend auf die Verbindlichkeit von SAT bzw. ACT und wurden schließlich auch wegen eingeschränkter Testmöglichkeiten im Zuge der Covid-Pandemie „test optional“.
Ein Beitrag von David Leonhardt in der New York Times meldet nun die Wiedereinführung der Berücksichtigung von Ergebnissen des SAT bzw. ACT bei der Studienzulassung am Dartmouth College, einer der acht Ivy-League-Hochschulen des Landes und setzt sich mit der Frage auseinander, warum auch andere Elite-Hochschulen dem Beispiel von Dartmouth folgen würden. Danach hätten sich drei Ökonomen und ein Soziologe der Hochschule über die verfügbaren Daten zur Frage gebeugt, wie gut Ergebnisse in SAT oder ACT Studienerfolg voraussagen könnten. Sie seien zu dem sie wenig überraschenden Ergebnis gekommen: Testergebnisse waren bessere Prädiktoren für den Erfolg von Studierenden an Dartmouth als Schulnoten, Aufsätze der Schüler oder Empfehlungen der Lehrer.
Leonhardt beschreibt zudem eine weitere, aber überraschendere Einsicht aus den Daten, dass nämlich der Verzicht an Dartmouth auf SAT und ACT im Zuge der Pandemie vor allem Studienbewerbern aus einkommensschwachen Familien geschadet habe, statt ihnen zu helfen. Sie hätten im „test optional“-Verfahren die Ergebnisse ihrer SATs oder ACTs in der falschen Annahme nicht eingereicht, dass sie zu schlecht seien. Viel wahrscheinlicher wäre aber die Auffassung der Zulassungsstelle gewesen, dass die Bewerber ein schwieriges Umfeld überwunden hätten und in Dartmouth durchaus Erfolg hätten haben können. Dartmouth gehöre zu den Hochschulen, die Ergebnisse standardisierter Testverfahren eben im Licht der sozioökonomischen Voraussetzungen bewerten würden, unter denen sie erzielt worden seien. Er schreibt: „It’s worth acknowledging a crucial part of this story. Dartmouth admits disadvantaged students who have scores that are lower on average than those of privileged students. The college doesn’t apologize for that. Students from poor neighborhoods or troubled high schools have effectively been running with wind in their face. They are not competing fairly with affluent teenagers.“
Sie finden die Meldung hier.
Unter dem Titel „The Misguided War on the SAT” hatte David Leonhardt Anfang Januar bereits in der New York Times die These vertreten, dass die Auffassung, standardisierte Testverfahren schadeten den Diversitätsbemühungen von Hochschulen, durch die Datenlage nicht gestützt werden könne.
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Inside Higher Education meldet derweil, dass mit Cornell University und Vanderbilt University zwei Elitehochschulen ihre während der Covid-Pandemie eingeführte „test optional“-Regelung vorläufig beibehalten wollten, Cornell für die kommende Bewerbungsrunde, Vanderbilt für die nächsten drei Jahre. Es heißt: „Vanderbilt’s dean of admissions and financial aid, Douglas Christiansen, said extending the policy rather than making it permanent will allow the university to conduct its own research on the issue and come to an informed conclusion.”
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In ihrem Internationalisierungs-Blog „Latitudes“ zitiert Karin Fischer im Chronicle of Higher Education einen Bericht des Think Tanks „Freedom House“, der sich mit Repressionen internationaler Studierender in den USA und in Kanada durch Regierungen ihrer Heimatländer befasst. Der Beitrag zitiert eine Autorin des Berichts mit den Worten: „Universities and colleges are supposed to be places where we can have conversations about democracy and other sensitive issues. It’s hard for people to understand that foreign governments can reach you if you live in the U.S. or Canada.”
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Sie finden den Bericht hier.
Die New York Times meldet die Einigung in einem Gerichtsverfahren zwischen dem Bundestaat Kalifornien und zahlreichen Familien in Oakland und Los Angeles, die die Behörden verklagt gehabt hätten, ihrer verfassungsmäßigen Verpflichtung zu einer angemessenen Schulausbildung nachzukommen. Hintergrund der Klage waren die lokal sehr unterschiedlichen Erfolge beim Aufholen des sog. „Pandemic Loss“, also der Pandemie-bedingten Wissenslücken bei Schülern. Die Höhe des von Kalifornien im Zuge der Einigung zu zahlenden Betrags – $2 Mrd. – lässt vermuten, wie groß die Unterschiede sind.
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Sie finden eine Seite zum Vergleich der Schulbezirke und Abhängigkeit der „Pandemic Losses“ vom sozialen Status hier.
Ein Beitrag in der New York Times kritisiert Verzögerungen und Pannen bei Gestaltung und Versand der neuen Free Application for Federal Student Aid (FAFSA) durch das US-amerikanische Bildungsministerium, das eigentlich das Verfahren vereinfachen und für mehr angehende Studierende – derzeit sind es 17 Mio. – zugänglicher machen wollte. Es heißt: „This year, operational glitches and repeated delays in the U.S. Department of Education’s ‘Better FAFSA’ rollout threaten to harm the very students and families that financial aid is intended to help. Despite promises of an easier, more straightforward application process, students and families so far have been met with glitches and delays, and still today, there are entire groups of students blocked from even completing the form.”
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