30.01.2023

Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.

Die Themen dieser Woche:

  • Herausforderungen und Chancen für die US-amerikanische Hochschullandschaft
  • Entwicklung der STEM-Workforce
  • Gewinnorientierte Hochschulen in den USA
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir befassen uns dieser Ausgabe mit Herausforderungen und Chancen für die US-amerikanische Hochschullandschaft und mit jüngsten Entwicklungen hinsichtlich des Nachwuchses in Fächern des STEM-Kanons „Science, Technology, Engineering and Math“. Wir werfen zudem einen Blick auf den Sektor der gewinnorientierten Hochschulen in den USA und – wie immer – auf verschiedene Kurzmeldungen.

 

Ich wünsche eine interessante Lektüre, Gesundheit und Zuversicht.

 

Stefan Altevogt

Herausforderungen und Chancen für die US-amerikanische Hochschullandschaft

Wenngleich die US-amerikanische Hochschullandschaft aufgrund verschiedener Einflussgrößen, zuvorderst wohl die demografische Entwicklung, kurz- und mittelfristig nicht durch „Auslöschung“ bedroht ist, wie es gelegentlich Überschriften in den Fachmedien befürchten lassen, so sieht sich die Landschaft zweifelsohne erheblichen Herausforderungen, aber auch Chancen gegenüber, wie sie vermutlich in den beiden unteren Quadranten von SWOT-Analysen („Strength, Weakness, Opportunities, Threats“) auftauchen würden.

Ein mit „Is This Armageddon?“ überschriebener Beitrag im Chronicle of Higher Education geht auf die „demografische Klippe“ in dem Segment der Bevölkerung (vergleichsweise gut situiert und weiß) ein, die traditionell an den Colleges am Stärksten vertreten gewesen seien. Die sinkenden Geburtenraten nach dem Finanzcrash von 2008 seien maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Chronicle im vergangenen Herbst eine Titelgeschichte mit dem Titel „The Shrinking of Higher Ed“ veröffentlicht habe.

Dieser sich rasch abzeichnende Rückgang der Zahl potenzieller Studierender seien noch durch mehrere anderen Faktoren zu einem „demografisch perfekten Sturm“ verstärkt worden, der seit Beginn der Pandemie die Hochschulen des Landes insgesamt fast 1,4 Millionen Studierende habe verlieren lassen. Zur Illustration der Windstärke enthält der Beitrag ein Schaubild der Studierendenzahlen an der State University of New York (SUNY) in Buffalo, an der sich laut Bildungsministerium zwischen 2011 und 2021 die Studierendenzahlen von 12.200 auf 7.100 beinahe halbiert hätten. Zudem habe eine unter der Trump noch verschärfte einwanderungsfeindliche Politik dazu beigetragen, dass amerikanische Hochschulen für internationale Studierende weniger attraktiv und zugänglich geworden seien, selbst wenn jüngste Mobilitätszahlen Hoffnung auf eine Trendwende machten.

Wenn man sich unter Strategien der Colleges zur Reaktion auf den demografischen Wandel und den möglicherweise anhaltenden relativen Verlust internationaler Attraktivität des Studienstandorts USA umsehe, dann fielen vor allem Einschnitte in den Personaldecken von Hochschulen auf. Es heißt: „Some colleges, however, have already taken the more drastic step of laying off large numbers of staff and faculty. In the summer of 2020, this happened at Canisius College, in Buffalo, one of the two institutions where I teach. In the face of a $20-million budget shortfall resulting from the pandemic and declining enrollment, the college abruptly announced the layoff of 96 employees, including 25 professors. (...) Mass layoffs of faculty have also taken place at the University of Akron, Henderson State University, and Ithaca College.” Weil ein derartiges „Gesundschrumpfen” vor allem zu Lasten der sehr leicht kündbaren Gruppe von Lehrbeauftragten ginge – die Autorin des Beitrags gehört selbst zu dieser Gruppe – kämen die Reaktionsmodi zahlreicher Hochschule für die dann betroffenen Adjuncts einem „Armageddon“ gleich und seien vermutlich auch nicht der richtige Weg für eine Zukunftsfähigkeit der jeweiligen Hochschulen.

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Ein anderer Beitrag befasst sich im Chronicle mit den gegenwärtigen Chancen für das US-amerikanische Hochschulsystem, die vor allem in einer Erschließung „nicht traditioneller“ Gruppen von Studierenden liegen würden. Der Beitrag zitiert eine Studie der Brookings Institution zu Wegen, die Studierfähigkeit in bislang an den Hochschulen noch deutlich unterrepräsentierten Schichten zu erhöhen und damit auch die Rekrutierungsbasis für Hochschulen zu erweitern. Nur wenig überraschend heißt es: „Racial and gender-based disparities in college-going rates disappear when students receive similar levels of academic preparation in high school, according to a new study by the Brookings Institution. The findings highlight a potential path forward for college leaders who are eager for solutions to their enrollment problems.”

Insgesamt schrieben sich zum Beispiel Afroamerikaner in der Regel seltener am College ein als asiatische, weiße und hispanische Oberschüler. Bei einer vergleichbaren akademischen Vorbereitung ändere sich jedoch das Bild und Afroamerikaner schrieben sich häufiger ein als Angehörige anderer ethnischer Gruppen. Wenngleich der jeweilige sozioökonomische Status ebenfalls ein wichtiger Faktor für die Wahrscheinlichkeit eines Hochschulbesuchs sei, so habe er laut Analyse einen deutlich geringeren Einfluss als die akademische Vorbereitung.

Zu den sich aus diesen Einsichten ergebenden zitiert der Beitrag eine der Autorinnen der Studie mit den Worten: „Public discussions about inequality in access to college often center around admissions and cost. While these issues are important, our findings suggest that policy makers should also pay careful attention to disparities in academic preparation earlier in students’ educational careers, which are important determinants of college enrollment.”

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

Sie finden die zitierte Studie hier.

Entwicklung der STEM-Workforce

Die National Science Foundation (NSF) gibt durch ihr National Center for Science and Engineering Statistics (NCSES) regelmäßig Zahlen zur Entwicklung des Nachwuchses in Fächern des STEM-Kanons „Science, Technology, Engineering and Math“ heraus. Die jüngste Ausgabe der Zahlen zeige zwei gegenläufige Tendenzen in Natur- und Ingenieurwissenschaften und in ausgewählten Gesundheitswissenschaften in den USA: Während die Einschreibungszahlen in Master- und Promotionsprogrammen die pandemiebedingten Einbrüche überwunden und Rekordhöhen erreicht hätten, sei die Zahl der Postdocs in diesen Fächern rückläufig und liege unterhalb des Niveaus von 2017 und zwar um 4,1 % in den Naturwissenschaften, um 1,3 % in den Ingenieurwissenschaften und um 3,8 % in den Gesundheitswissenschaften.

 

Sie finden die Zahlen hier.

 

In den USA hat der STEM-Nachwuchs nicht nur eine industrie- bzw. wirtschaftspolitische, sondern eine im Ausland häufig unterschätzte sicherheits- bzw. verteidigungspolitische Dimension. Während die allermeisten Politikfelder in der US-amerikanischen Hauptstadt von tiefen Gräben zwischen den Parteien und einem erheblichen Streitpotenzial selbst innerhalb der Parteien (vor allem bei den Republikanern) gekennzeichnet sind, erfreuen sich Verteidigungsausgaben nach wie vor einer sehr großen überparteilichen Unterstützung, zuletzt wieder erkennbar an den überwältigenden Mehrheiten, mit denen in Repräsentantenhaus und Senat die jüngste Ausgabe des National Defense Authorization Act (NDAA) verabschiedet worden ist.

Das American Institute of Physics (AIP) wirft daher regelmäßig einen Blick auf die forschungs- und förderrelevanten Passagen des NDAA und schreibt in einer diesbezüglich jüngsten Ausgabe: „Among the subjects addressed this year are the technological rivalry between the U.S. and China, defense laboratory modernization, and DOD [Department of Defense] support for research capacity-building at Historically Black Colleges and Universities and other minority-serving institutions (MSIs).”

Eine Initiative zum Aufbau von MSI-Kapazitäten sähe auf der Grundlage eines kürzlich erschienenen Berichts der National Academies ein zehnjähriges Pilotprogramm des Verteidigungsministeriums an Historically Black Colleges & Universities (HBCUs) und Hochschulen vor, die in der Carnegie Classification of Institutes of Higher Education mit aufsteigender Tendenz bereits den Status einer Forschungshochschule erreicht hätten. Hier solle zum einen die Zusammenarbeit mit dem National Security Innovation Network (NSIN) gefördert werden, zum anderen – über Stipendien – die Qualität und Quantität von Lehrenden und Studierenden.

Die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) des Pentagon werde angewiesen, ihr „Innovation Fellowship Program“ weiterzuentwickeln und auszubauen und das Verteidigungsministerium solle eine Studie darüber durchführen, wie die Beteiligung von Frauen in militärischen und zivilen Positionen des Verteidigungsministeriums im STEM-Bereich erhöht werden könne.

Eine internationale Dimension habe schließlich ein Passus zu STEM-Bemühungen in der Luft- und Raumfahrt. Dazu heißt es: „The Air Force Department is authorized through 2027 to support applied research activities in areas such as space domain awareness, satellite navigation, communications, and hypersonics that promote student education in the field and international collaboration.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

Gewinnorientierte Hochschulen in den USA

Ein Beitrag im Chronicle of Higher Education zitiert eine Meldung der Arkansas Times, der zufolge das öffentlich finanzierte Hochschulsystem University of Arkansas (UA) plane, mit der gewinnorientierten University of Phoenix eine der namhaften for-profit-Hochschulen des Landes zu kaufen, die derzeit von etwa 85.000 Studierenden weit überwiegend online besucht werde, nachdem sie 2010 einen Höchststand von fast einer halben Million Studierenden erreicht gehabt hätte. Der Kauf solle über eine neu gegründete gemeinnützige Tochtergesellschaft abgewickelt werden, die die University of Phoenix beim Erwerb der Anerkennung von Gemeinnützigkeit unterstützen solle, und der Kaufpreis würde zwischen $500 Mio. und $700 Mio. liegen. Ein Sprecher der UA wird zu den Zielen der Hochschule mit den Worten zitiert: „The goal (...) is to advance the system’s mission of providing affordable, relevant education to a broad range of students, and introducing the UA System to new educational markets.”

Der geplante Kauf sei nicht die erste Transaktion in diese Richtung, nachdem bereits 2021 mit der Grantham University eine kleinere for-profit-Hochschule und im vergangenen Jahr auch ihr „eVersity“ genanntes Online-Geschäft gekauft worden seien. Hochschulexperten sähen in dieser Entwicklung ein weiteres deutliches Zeichen dafür, dass der gewinnorientierte Bereich US-amerikanischer Hochschulen womöglich seinen Zenit überschritten habe. Phil Hill von der Hochschulberatungsagentur MindWires wird dazu mit den Worten zitiert: „This is the culmination of the era of the for-profits. It’s not that there are no for-profits anymore (…) but it’s putting a real definitive cap on this decade-and-a-half decline of the for-profit sector.”

 

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Die zitierte Meldung finden Sie hier.

Kurznachrichten

Inside Higher Education wirft einen Blick auf den im Dezember verabschiedeten US-Bundeshaushalt und die darin enthaltenen, von einzelnen Abgeordneten zugunsten von Einrichtungen in ihren jeweiligen Wahlkreisen veranlassten Sonderzuwendungen („Earmarks“) im Umfang von $1,7 Mrd., die als Sondermittel für mehr als 500 Colleges und Universitäten des Landes vorgesehen seien. Es heißt zur Bedeutung für einzelne Hochschulen: „Although a few institutions received tens of millions for projects, the median payment for institutions was $1.25 million, according to an Inside Higher Ed analysis.”

 

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Der Chronicle of Higher Education zitiert eine Meldung in Nature, wonach die Evolutionsbiologin Priyanga Amarasekare von der University of California, Los Angeles ohne Angabe von Gründen entlassen worden sei, und dass sich gegen die Hochschulentscheidung eine weltweite Initiative von Forschenden zur Rehabilitierung von Amarasekare gebildet habe.

 

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Auch Inside Higher Education habe bislang kein Licht ins Dunkel der Gründe bringen können. Es heißt in einer entsprechenden Meldung: „In an email to Inside Higher Ed, UCLA declined to provide its reasoning.“

 

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Ein Beitrag im Chronicle of Higher Education befasst sich mit dem an das Broad Institute in Cambridge, MA zurückkehrenden Eric Lander, der nach zwei Jahren als Direktor des White House Office of Science and Technology Policy (OSTP) zurückgetreten war, weil sein Führungsstil als nicht länger tragbar angesehen wurde. Am Institut herrsche derzeit Unruhe hinsichtlich der Frage, ob Lander aus seinen Erfahrungen im Weißen Haus genug gelernt habe. Es heißt: „A spokeswoman for the institute (...) did not answer questions (...) whether Lander’s behavior would be specifically monitored.”

 

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Ein Beitrag auf University Affairs bemängelt, dass die gegenwärtige Konzentration kanadischer Hochschulen auf Equity, Diversity, and Inclusion (EDI) sich auf der einen Seite vor allem in performativen Akten wie der Mitarbeit in EDI-Komitees erschöpfe, auf der anderen Seite an den Bedarfen internationaler Studierender in Kanada vorbeigehe. Es heißt: „EDI is failing international students as part of the group that EDI should address at postsecondary institutions.”

 

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In ihrem Internationalisierungs-Blog Latitudes geht Karin Fischer in dieser Woche der Frage nach, wie noch unterrepräsentierten Studierendengruppen in den USA Auslandserfahrungen während des Studiums erleichtert werden könnten. Eines der größten Hindernisse seien Sprachbarrieren in Ländern, in denen nicht ausreichend Englisch gesprochen werde. Sie schreibt: „In recent years, there has been a decline in foreign-language study among the university’s students. And for first-generation students, language was an especially big roadblock – in a campus survey, 90 percent of students said they would not go to a non-English-speaking country.”

 

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