16.10.2023

Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.

Die Themen dieser Woche:



  • Finanzierung des Studiums in den USA
  • Hochschulbildung verliert in den USA an Wertschätzung
  • Internationale Studierende in den USA
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir befassen uns dieser Ausgabe mit der Finanzierung des Studiums in den USA und mit dem dortigen Verlust allgemeiner Wertschätzung von Hochschulbildung. Wir werfen zudem einen Blick auf einen Wechsel an der Spitze der Herkunftsländer internationaler Studierender in den USA und – wie immer – auf verschiedene Kurznachrichten.

 

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.

 

 

Herzliche Grüße,

 

Stefan Altevogt

Finanzierung des Studiums in den USA

Auf den Wirtschaftsseiten der New York Times macht ein Beitrag auch diesseits der weiten Beachtung von Sticker Prices an den teureren und teuersten Colleges des Landes – es werden nicht selten Studiengebühren von über $50.000 pro Studienjahr aufgerufen – deutlich, mit was für Kosten Studierende in den USA und ihre Eltern rechnen müssen. Dass die Bewältigung der zu erwartenden Kosten längerfristige Planung empfiehlt, macht der Beitrag mit dem folgenden Satz deutlich: „In an ideal world, parents would open up a 529 college savings account immediately after their children make their debut into the world and set up an automatic savings plan.“

Auf einem solchen kurz „529“ genannten, steuerlich begünstigten und bereits bei der Geburt eines Kindes einrichtbaren Sparkonto sollten sich dann über die 18 Jahre bis zum High School Diploma vielleicht schon $35.000 angesammelt haben, $35.000 von den $100.000, die man sinnvollerweise für ein vierjähriges Studium über die normalen Lebenshaltungskosten hinaus zur Verfügung haben sollte. Ein zweites Drittel müsste dann über die Zeit des Studiums hinweg aufgebracht werden und das letzte Drittel könne über Kredite abgedeckt werden, die noch mit ihren Eltern lebende Studierende derzeit bis zu einer Höhe von $31.000 erhalten könnten. Allen denjenigen, die nicht rechtzeitig mit dem Sparen begonnen oder das Gefühl hätten, dass Sie nicht genug Zeit haben, um einen ausreichend großen Eigenanteil zur Seite zu legen, gibt der Beitrag folgenden Rat mit auf den Weg: „There are also ways to contain your costs, including starting at a community college.“ [Eine Werbung für ein Studium in Deutschland könnte genau dort ansetzen: „Is your 529 college savings account just good enough for a community college? Come to Germany and study with no tuition at world class universities!”]

Warum überhaupt die Eltern für einen oder man selbst bereits in jungen Jahren über die Finanzierung eines Studiums nachdenken sollte, hängt in den USA auch von der im Beitrag adressierten Frage ab: „Why is college so expensive?“ In einer kursiven Antwort auf diese Frage listet der Beitrag die kompetitiven Kosten für die Anstellung von Professorinnen und Professoren, die aufwändige Verwaltung von Hochschulen und ihre vielen Dienstleistungen für die Studierenden und die hohen Compliance-Kosten an den Hochschulen. Die gute Nachricht bei den hohen Kosten für das Studium sei allerdings, dass in der Regel die Sticker Prices gelistet seien und die sich nach Abzug verschiedener Förderungen und Rabatte ergebende Net Tuition deutlich unterhalb der auf den Preisschildern vermerkten Kosten läge.

Um an Fördermittel zu kommen, so ein weiterer Abschnitt im Beitrag, müssten angehende Studierende bzw. ihre Eltern auf einer Free Application for Federal Student Aid (FAFSA) den Bedarf und die Bezugsberechtigung nachweisen, oder alternativ ein sog. „CSS Profile“ anlegen, das von der Firma College Board administriert wird, der Herausgeberin des Zugangstests SAT. Dazu heißt es: „The CSS Profile is a lengthy form that students complete to seek financial help for college, but it’s different from the FAFSA, and whether you have to fill it out depends on where you apply. Not all colleges use the CSS Profile, but several hundred – mostly private colleges and universities – require it to assess whether you qualify for institutional aid, meaning the school’s own money, rather than government help. (...) Be prepared: It asks even more detailed questions than the FAFSA and it’s not free. It costs $25, plus fees for each additional school you select to receive your form, although you may be able to have the cost waived based on your income.”

Mit der Finanzierung der direkten Studienkosten sei allerdings ein Studium noch lange nicht ausfinanziert, denn die Lebenshaltungskosten kämen jeweils noch hinzu und die finanziellen Hilfen in Form von Zuschüssen oder Darlehen könnten in der Regel auch dazu verwendet werden, solche Ausgaben einschließlich Unterkunft und Verpflegung zu decken. Je nachdem, wo man studiere, könne man vielleicht Geld sparen, wenn man außerhalb des Campus in einer Wohngemeinschaft lebe. Einige Hochschulen, die sich der unsicheren Ernährungslage unter den Studierenden bewusst seien, hätten Lebensmittelbanken oder Speisekammern eingerichtet, die kostenlose Lebensmittel anbieten würden, und Programme, bei denen bessergestellte Studierende ihre ungenutzte Essenskarten an bedürftige Kommilitonen spenden könnten; Dinge eben, die an deutschen Hochschulen so nicht bekannt sein dürften.

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Sie finden ein Youtube-Video zum Thema 529 College Savings Account, dessen Mittel auch für andere Phasen der Ausbildung einschließlich beruflicher Ausbildung genutzt werden können, hier.

Hochschulbildung verliert in den USA an Wertschätzung

Immer wieder finden sich auch abseits der Fachmedien Beiträge zum Verlust allgemeiner Wertschätzung von Hochschulbildung in den USA und eigentlich sollte niemand mehr davon überrascht sein. In einem Artikel im Chronicle of Higher Education ist allerdings in dieser Woche der Umfang des Vertrauensverlusts in Hochschulbildung der Ausgangspunkt der Berichterstattung und es heißt: „Only 36 percent of Americans, Gallup found, have ‘a great deal‘ or ‘quite a lot‘ of confidence in higher ed. That’s down from 57 percent in 2015 – a drop of more than 20 percentage points in just eight years.”

Derartige Ergebnisse seien kein Einzelfall und im letzten Monat habe der Chronicle die Ergebnisse einer landesweiten Umfrage veröffentlicht, in der weniger als ein Drittel der Befragten angegeben habe, dass Hochschulen eine ausgezeichnete oder wenigstens sehr gute Arbeit leisteten, um Voraussetzungen für beruflichen Erfolg zu schaffen. Es heißt weiter: „An astounding 86 percent of respondents reported believing that trade school is ‘about the same as‘ or ‘better‘ than college. The journalist Paul Tough recently summed up some of the dispiriting trends in The New York Times Magazine. The percentage of young adults who believe a college degree is very important fell from 74 percent in 2013 to 41 percent in 2019.” Entsprechend und nicht nur wegen der allgemeinen demografischen Entwicklung sei die Zahl derjenigen, die ein College besuchten, von mehr als 18 Mio. im Jahr 2010 auf weniger als 15,5 Mio. im Jahr 2021 gesunken. Etwa die Hälfte der amerikanischen Eltern würde es laut Tough vorziehen, würden ihre Kinder nicht an einem traditionellen vierjährigen College studieren.

Der Beitrag fragt weiter nach den Gründen für den Verlust der Wertschätzung und was die Hochschulen selber mit diesen Gründen zu tun haben könnten. Jenseits der üblichen Schuldzuweisungen wie etwa „Demoskopen stellen die falschen Fragen, Republikaner sind ohnehin gegen Hochschulen, Menschen ohne Hochschulabschluss haben keine Ahnung oder gar ‘the other side is nuts‘“ geht es im Weiteren um das big picture, das der Autor mit den Worten beschreibt: „Americans are waking up to the fact that our system of higher education is broken.“

In die Zukunft blickend beschreibt der Beitrag die Digitalisierung von Bildung, die Fragmentarisierung oder gar Atomisierung von Bildungsergebnissen und den technologischen Fortschritt als einen möglichen Ausweg aus der Krise und fordert von den Hochschulen, sich den Entwicklungen nicht zu verschließen und sie als in ihren Ergebnissen als „inferior“ zu verdammen. Es heißt: „A growing number of third-party companies and organizations, among them Google, Amazon, and LinkedIn, now offer online programs that allow students (at their own pace, on their own schedule, and at low cost) to earn microcredentials that certify their proficiency in specific skills. Some, like Kaggle, Topcoder, and CrowdAI are making a name for themselves as places where companies can find highly trained, top-quality data scientists and coders.”

Mit diesen Veränderungen würden sich gute Alternativen zum bisherigen System von Hochschulbildung ergeben, über deren steigenden finanziellen Kosten und soziale Ungerechtigkeiten die Gesellschaft die längste Zeit hinwegzusehen bereit gewesen sei. Mit den heutigen Online-Lernplattformen ändere sich das und wir hätten die Chance, ein offeneres, flexibleres, preisgünstigeres und somit deutlich inklusiveres System zu schaffen. Es heißt: „If we embrace that opportunity, just think how much value we might create for those students – and how much value those students, in turn, might create for society.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Sie finden die Umfrage-Ergebnisse hier.

 

Sie finden den zitierten Beitrag in der New York Times hier.

Internationale Studierende in den USA

Mit den „Open Doors“ gibt das Institute of International Education (IIE) einmal im Jahr die Zahlen zur Internationalisierung der US-amerikanischen Hochschulen heraus und stützt sich bei den „Incoming Students“ auf die Angaben des State Departments zur Vergabe von entsprechenden Visa. In ihrem Internationalisierungs-Blog im Chronicle of Higher Education wirft Karin Fischer in dieser Woche einen Blick auf Statistiken des Department of Homeland Security, das ebenfalls mit „Incoming Students“ befasst ist und dessen Student and Exchange Visitor Information System (SEVIS) mit der Visa-Kategorie F zum einen Studierende und mit der Kategorie M zum anderen Menschen in der beruflichen Ausbildung erfasst (die Zahlen sind hier gegenüber F-Visa eher gering).

Nach den jüngsten SEVIS-Zahlen hat Indien mit nun 320.000 Studierenden in den USA China mit derzeit 254.000 aktiven Studierenden-Visa als wichtigstes Herkunftsland deutlich überholt. Zur Entwicklung mit Blick auf Indien heißt es: „The number of new Indian students on American campuses surged again this fall. Nearly 89,000 visas were issued to Indian students in the critical months of May through August – a 5 percent increase over the same four months in 2022 and an eye-popping 160 percent more than during the same span in 2019, prior to the pandemic.”

Aber auch die knapp 70.000 neu vergebenen Studierenden-Visa an Antragsstellende aus China sei mit Blick auf das deutlich abgekühlte Verhältnis zwischen beiden Ländern eine eher positive Nachricht, wie auch die Gesamtzahl der Anträge für Studierenden-Visa für die USA, die sich für das vergangene akademische Jahr auf 307.000 belaufen habe. Sie schreibt: „The bottom line: It’s a positive picture for international enrollments at American colleges. The total number of new student visas awarded for the fall of 2023 increased by 9 percent from 2022 and by 20 percent from 2019.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Sie finden SEVIS hier.

 

Sie finden die Open Doors hier.

Kurznachrichten

Ein Beitrag in der New York Times zitiert jüngste Querschnittszahlen des American College Testing (ACT)-Programms, denen zufolge die akademische Leistungsfähigkeit der Oberschulabsolventen in diesem Jahr einen Tiefststand seit 1991 erreicht habe und 43% der Getesteten in keinem Fach ein „Ausreichend“ erzielt hätten. Es heißt: „For the 1.4 million ACT test-takers in the high school class of 2023, the average composite score on the exam was 19.5 out of 36 (...). These test takers were high school freshmen when the coronavirus pandemic interrupted their educations, sending many of them into months of online learning. The achievement declines on the ACT are broadly in line with pandemic-era trends from other national exams.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Ein Beitrag geht in der New York Times der Frage nach, welcher Schulträger in den USA mit den sich durch Covid19 noch einmal verschärft habenden Leistungsproblemen von Schülern und der größer werdenden Kluft zwischen schulischem Erfolg und Misserfolg am besten klarkommt. Die Antwort ist überraschend, denn sie lautet: das US-amerikanische Verteidigungsministerium. Es heißt: „With about 66,000 students – more than the public school enrollment in Boston or Seattle – the Pentagon’s schools for children of military members and civilian employees quietly achieve results most educators can only dream of.” Beim National Assessment of Educational Progress schnitten die Schulen des Verteidigungsministeriums im vergangenen Jahr in Mathematik und Lesen besser ab als alle anderen Schulbezirke und hätten Pandemieverluste weitgehend vermeiden können.

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

Inside Higher Education meldet eine Initiative fast aller Hochschulen im US-Bundesstaat Georgia, dem kommenden Jahrgang von Oberschulabsolventen einen direkten Zugang zum Studium an den öffentlich finanzierten Colleges zu garantieren, wenn die Absolventen bestimmte akademische Mindeststandards erfüllten. Einzig die University of Georgia, Georgia Tech und Georgia College and State University würden sich nicht am „Direct Admissions Program” beteiligen, weil ihnen die akademischen Anforderungen nicht hoch genug seien.

 

Sie finden die Meldung hier.

 

Bereits im Januar dieses Jahres hatte Scott Jaschik auf Inside Higher Education von einem landesweiten Trend von Direct Admissions-Programmen berichtet, bei denen sich die angehenden Studierenden nicht an individuellen Hochschulen bewerben würden, sondern eine Übersicht mit Noten und Studieninteressen an einen zentralen Pool übermittelten, aus denen sich dann die beteiligten Hochschulen bedienten und den angehenden Studierenden Einschreibungsangebote unterbreiteten. Es hieß seinerzeit: „Most of the colleges embracing direct admissions are not the most competitive or even somewhat competitive in admissions. So these institutions are not those that are featured in certain newspapers’ reports every year on how hard it is to get into the Ivy League.”

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

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