12.06.2023

Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.

Die Themen dieser Woche:

  • Covid-19: Die Auswirkungen auf US-Hochschulen in Zahlen
  • Affirmative Action vor dem Supreme Court
  • Columbia University: Rückzug aus einem einflussreichen Undergraduate-Ranking
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir befassen uns dieser Ausgabe mit Zahlen des US Department of Education zu Mitteln, die den Hochschulen im Rahmen von Hilfen zur Bewältigung der Covid-Pandemie zur Verfügung gestellt worden sind, und mit der zeitnah erwarteten Entscheidung des US Supreme Court zur Rechtmäßigkeit von Affirmative Action. Wir werfen zudem einen Blick auf den Rückzug der Columbia University aus dem Undergraduate Ranking von US News & World Report und – wie immer – auf verschiedene Kurzmeldungen.

 

Ich wünsche eine interessante Lektüre.

 

Herzliche Grüße,

 

Stefan Altevogt

Covid-19: Die Auswirkungen auf US-Hochschulen in Zahlen

Der Chronicle of Higher Education befasst sich in drei Beiträgen mit den insgesamt $76 Mrd., die die Bundesregierung über den Higher Education Emergency Relief Fund (Heerf) des US Department of Education den Hochschulen und über die Hochschulen auch den Studierenden zur Verfügung gestellt hat, die Folgen der Covid-Pandemie bewältigen zu können. Jonathan Fansmith vom American Council on Education wird in einem Beitrag mit den Worten zitiert: „For both students and institutions the funding was really a critical lifeline, especially at the height of the pandemic.”

Der Beitrag zeichnet nach, dass von den gesamten Mitteln $58,4 Mrd. an öffentlich finanzierte Einrichtungen geflossen seien und gut $14 Mrd. an privat finanzierte, gemeinnützige Hochschulen. Zu den Hochschulen mit den größten Zuwendungen heißt es: „Among the doctoral universities with the largest amounts of Heerf money: Arizona State University, with $364 million; Indiana University at Bloomington, with $331 million; and Central Florida University, with $314 million.”

In Relation zu den jeweiligen Studierendenzahlen hätten unter den öffentlich finanzierten Hochschulen die Forschungshochschulen mit 38% der Mittel bei 37% der an öffentlichen Hochschulen immatrikulierten Studierenden besser abgeschnitten als zum Beispiel Community Colleges (34% der Mittel bei fast 40% der Studierenden). Fast dreiviertel der Mittel seien entweder an Community Colleges ($19,8 Mrd.) oder Forschungshochschulen ($22,2 Mrd.) geflossen.

Die Heerf-Zuwendungen an die Hochschulen seien in zwei Bereiche gefallen, einmal Geld, das die Hochschulen direkt an die Studierenden hätten weitergeben müssen, und Geld, das die Einrichtungen für andere Zwecke hätten ausgeben können, etwa für entgangene Einnahmen – dafür wurden über $13 Mrd. gezahlt – bzw. Rückerstattungen von Studiengebühren ($3,1 Mrd.). Dagegen erscheinen Ausgabenposten, die mit einer Anpassung an Pandemiebedingungen in Verbindung stehen, vergleichsweise geringfügig gewesen zu sein, etwa „additional equipment for distant learning“ ($1,2 Mrd.), „additional technology to students“ ($521 Mio.), „additional equipment for social distancing“ ($682 Mio.) oder „coronavirus practices“ ($615 Mio.).

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Ein anderer Beitrag schaut auf die Zusammensetzung der auf etwas über $13 Mrd. bezifferten und direkt Covid-bedingten Verluste von Hochschulen und rekonstruiert, dass von den $13 Mrd. gut $6,1 Mrd. auf entgangene Studiengebühren entfielen, $3,7 Mrd. auf entgangene Einnahmen aus Unterbringung und Verpflegung (room and board) und weitere $3 Mrd. auf entgangene Einnahmen aus sonstigen Geschäften mit Studierenden, sog. „auxiliary services“. Je nach Hochschultyp seien die Einnahmeverluste sehr unterschiedlich in den verschiedenen Bereichen ausgefallen. Dazu heißt es: „Room and board made up less than 10 percent of the lost revenue claimed by two-year public and private colleges and by public institutions that primarily award associate degrees. But for private baccalaureate, master’s, and doctoral institutions – which predominantly operate residence halls and offer dining services to students – the financial hit from room and board accounted for nearly 50 percent of their losses. For public baccalaureate, master’s, and doctoral institutions, declines in revenue from room and board made up 32 percent of the losses they claimed.”

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

Ein weiterer Beitrag befasst sich nun mit den Folgen des Auslaufens der Covid-bedingten Sondermittel des Bundes vor allem auf regionale Hochschulen in Bundesstaaten, deren direkten Zuwendungen an ihre öffentlich finanzierten Hochschulen insgesamt rückläufig seien. Der Beitrag erläutert diese Entwicklung am Beispiel des Bundesstaats Connecticut und schreibt: „As the dust settles on the 2023 legislative session in Connecticut, two things seem clear: The future of the Connecticut State Colleges and Universities system is going to be smaller. And at Western Connecticut State University, a 4,000-student campus in Danbury, Conn., the clouds of fiscal distress are already moving in.”

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

Affirmative Action vor dem Supreme Court

Die Entscheidung des US Supreme Court zur Rechtmäßigkeit von Affirmative Action bei der Studienzulassung, also gezielter Bevorzugung bestimmter Gruppen vor dem Hintergrund der Annahme in der Vergangenheit bestanden habender struktureller Nachteile, wird für diesen Sommer erwartet. Erwartet wird, dass das oberste Gericht Affirmative Action insgesamt als nicht verfassungsgemäß verbieten werde.

In zahlreichen Beiträgen der Fachpresse wird deutlich, wie sich die Hochschulen auf eine Ära nach Affirmative Action vorbereiten und wir haben an dieser Stelle wiederholt über neue Ideen berichtet, wie man die Partizipation bislang an den Hochschulen unterrepräsentierten Schichten verbessern könne, wenn ethnische Zugehörigkeit nicht mehr berücksichtigt werden dürfe. Ein mit „After Affirmative Action“ überschriebener Beitrag im Chronicle of Higher Education machte im vergangenen Herbst darauf aufmerksam, dass bereits in neun Bundesstaaten (Kalifornien, Washington, Florida, Michigan, Nebraska, Arizona, New Hampshire, Oklahoma und Idaho) entsprechende Erfahrungen vorlägen, weil in ihnen Affirmative Action auf Grundlage ethnischer Zugehörigkeit verboten sei. 

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

In der New York Times schrieb Christopher Caldwell zuletzt, dass es nicht am durch die Nominierungen Trumps deutlich konservativer gewordenen Supreme Court läge, wenn nun Affirmative Action auch auf Bundesebene verboten werde, sondern an der sich verändert habenden demografischen Komposition des Landes. Bei der Einführung von Affirmative Action in den 1960er Jahren habe es in den USA eine an den Hochschulen weit überwiegende weiße Mehrheit gegeben. Und wenn in Grenzfällen durch Affirmative Action der Studienplatz gelegentlich statt an einen Weißen an einen afroamerikanischen Studienbewerber gegangen sei, dann sei es zum einen als eine Art „Wiedergutmachung“ begründbar gewesen, andererseits nicht so häufig vorgekommen, dass die positive Diskriminierung der Affirmative Action insgesamt als Diskriminierung hätte empfunden werden müssen. Er schreibt: „In a literal sense, it was discrimination – but it did not necessarily feel like discrimination.”

Die Zusammensetzung der Gesellschaft habe sich aber mittlerweile grundlegend geändert. Weiße dominierten nicht mehr die Hochschulen, die Gruppe der Latinos sei enorm gewachsen und werde auch unter Gesichtspunkten von Affirmative Action betrachtet und die größte Verschiebung sei im Hinblick auf Menschen mit asiatischem Migrationshintergrund zu beobachten. Hierzu schreibt er: „More than any other development, though, the enormous rise in Asian immigration since the Immigration and Nationality Act of 1965 has complicated the administration of affirmative action. The complication, simply put, is that Asian students, on average, have been considerably more qualified for college than students of other groups.”

Hier habe auch die Klage der Students for Fair Admissions vor dem Supreme Court ihre Begründung, dass nämlich Affirmative Action nicht nur eine kaum fühlbare positive Diskriminierung von Afroamerikanern und Latinos sei, sondern eine schmerzhaft fühlbare negative Diskriminierung von Asiaten. Die Statistiken des Zulassungsverfahrens an Harvard University sprächen dazu eine sehr deutliche Sprache: „Harvard did a number of things with Asian applicants differently from other applicants, including extending invitations to apply at a higher minimum combined SAT score than it did for Black, white and Hispanic students. A Black applicant in the seventh-highest academic decile of applicants had a better chance of being admitted to Harvard than did an Asian applicant in the highest decile.”

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

In einem Gastbeitrag für die New York Times betont die angehende Abiturientin Sophia Lam die Hoffnungen von asiatisch-stämmigen US-Amerikanerinnen und -Amerikanern auf eine entsprechende Entscheidung des Supreme Court und damit auf ein Ende von Affirmative Action in den gesamten USA. Sie schreibt: „Like many Asian American students, I believe the system as it stands makes it more difficult for me to gain acceptance to elite colleges. I would be lying if I said this didn’t bother me that admissions officers may hold me to a higher standard because of my race.”

Sie wünsche sich aber gleichzeitig auch einen möglichst diversen Anfängerjahrgang an ihrer künftigen Hochschule und hoffe, dass durch die erwartete Entscheidung des Supreme Court die Hochschulen und möglicherweise auch schon die Oberschulen künftig gezwungen seien, ein besseres System zur Förderung von Vielfalt zu schaffen.

 

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Columbia University: Rückzug aus einem einflussreichen Undergraduate-Ranking

In der jüngeren Vergangenheit haben wir an dieser Stelle über vereinzelte Rückzüge von Graduate-Programmen führender Hochschulen aus den einflussreichen Rankings von U.S. News & World Report berichtet und über die mit solchen Nachrichten immer wieder diskutierte Frage, ob es sich dabei nun um den Anfang vom Ende des Systems von Rankings insgesamt handele.

Die New York Times meldet die Absicht der Columbia University in New York, sich künftig auch aus dem Raking ihrer Undergraduate-Programme im US News & World Report zurückzuziehen, das heißt, keine entsprechenden Daten mehr an das Unternehmen liefern zu wollen, und schreibt: „Columbia University announced on Tuesday that its undergraduate schools would no longer participate in the U.S. News & World Report college rankings, the first major university to refuse to supply information to the influential undergraduate guide for students and parents.”

 

Sie finden die Meldung hier.

 

Der Chronicle of Higher Education berichtet in einem Beitrag von der Absicht von US News & World Report, künftig auch solche Hochschulen in die Bewertungen einzuschließen, die keine Daten zur Bewertungsgrundlage mehr liefern wollten. Der Beitrag zitiert den Geschäftsführer von US News, Eric J. Gertler, mit den Worten: „Students rely on the rankings and information we provide to navigate the confusing and uncertain admissions process. Our critics tend to attribute every issue faced by academia [to rankings].”

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Der Beitrag verweist auch auf die Erklärung der Columbia University, die durch ihren Provost, Mary C. Boyce, erläutert, dass sie weiterhin in sog. „Common Data Sets“ die für die Entscheidung künftiger Studierender wichtigen Datengrundlagen zur Verfügung stellen werde, deren Vergleichbarkeit aber besser in den Händen des Bildungsministeriums aufgehoben sähe als in den Händen eines kommerziellen Anbieters.

 

Sie finden die Erklärung der Columbia University hier.

 

Die Common Data Sets der Columbia University finden Sie hier.

Kurznachrichten

Die Spannung erwartete Erhöhung der Schuldenobergrenze für die USA – es wurde genauer gesagt die derzeitige Schuldenobergrenze von $31,4 Bio. bis Januar 2025 ausgesetzt – ist am 3. Juni von Präsident Biden unterzeichnet und damit wurde ein Zahlungsausfall des Bundes vermieden. Grundlage war ein im „Fiscal Responsibility Act of 2023“ festgehaltener Kompromiss der Demokraten mit der republikanischen Mehrheitsfraktion im Repräsentantenhaus, der als Gegenleistung für die weitere Gewährleistung der Zahlungsfähigkeit der US-Regierung Einsparungen im Bundeshaushalt in Höhe von $136 Mrd. vorsieht. Ein Beitrag in der New York Times analysiert, was der Kompromiss für verfügbare Bereiche des Bundeshaushalts (discretionary spending) bedeuten werde, darunter auch die von Millionen von Studienschuldnern im Rahmen einer „loan forgiveness“ erwartete Stundung von bis zu $20.000 je Schuldner.

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Inside Higher Education meldet, dass Präsident Biden einem Beschluss von Repräsentantenhaus und Senat, die geplante „loan forgiveness“ zu streichen, die Zustimmung verweigert habe. Es heißt: „There was not enough support for the resolutions to override Biden’s veto.” Damit werde allerdings die Stundung von Studienschulden noch nicht Realität, denn die entsprechende Verfügung des Präsidenten liegt derzeit zur Überprüfung ihrer Rechtmäßigkeit beim Supreme Court.

 

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Die zur jüngsten NAFSA-Konferenz veröffentlichten Zahlen des Keystone’s State of Student Recruitment 2023 zeigen, dass unter international mobilen Studierenden – mehr als die Hälfte der Befragten seien aus Afrika gewesen – 16,1 % Kanada als Zielland präferieren würden, 14,8 % die USA, 14,4 % das Vereinigte Königreich und 6 % Deutschland. Es heißt weiter: „When split into undergraduate and postgraduate, the US and the UK took the top spots with 20% and 18.2%, respectively. However, over three quarters of the respondents for the survey said that studying abroad is generally ‘too expensive’.”

 

Sie finden die Zahlen hier.

 

Der Chronicle of Higher Education meldet die Veröffentlichung einer Reihe von Empfehlungen, wie sich Hochschulen gegen Cyberattacken zur Wehr setzen können.

 

Sie finden diese Meldung hier.

 

In der Kurzfassung der Empfehlungen heißt es: „Cyberattacks and ransomware are nothing new, but the number of attacks has escalated, and the attackers are more sophisticated.” E-Mail sei nach wie vor die häufigste Art von Hackern, in das Computernetz einer Hochschule einzudringen, und Sicherheitsschulungen für Mitarbeitende und Studierende sei immer noch das beste Mittel zur Bekämpfung von Cyberangriffen. Die größte Herausforderung für Hochschulleitungen bei der Aufrechterhaltung von Cybersicherheitsmaßnahmen werde darin bestehen, ausreichend qualifiziertes Personal für die Informationssicherheit einzustellen und zu halten.

 

Sie finden die Empfehlungen hier.

 

Der Chronicle of Higher Education meldet, dass mit 57% die Mehrheit der seit Herbst 2021 an die Spitze der forschungsintensivsten Universitäten der USA berufenen Präsidenten Präsidentinnen gewesen seien, dass aber immer noch 70% dieser Einrichtungen von Männern geführt würden.

 

Sie finden diese Meldung hier.

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