10.07.2023

Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.

Die Themen dieser Woche:

  • Brain Drain in den USA?
  • Zweiter Anlauf im Umgang mit Studienschulden
  • Reaktionen auf die Entscheidung zu Affirmative Action
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir befassen uns dieser Ausgabe mit Befürchtungen, die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China könnten zu einer Abwanderung chinesisch-stämmigen Talents aus den USA führen, und mit Bemühungen der US-Regierung, nach dem Verbot eines geplanten Erlasses von Studienschulden durch den Supreme Court doch noch zu einer Lösung des Schuldenproblems zu kommen. Wir werfen zudem einen Blick auf Reaktionen auf das Verbot von Affirmative Action bei der Hochschulzulassung und – wie immer – auf verschiedene Kurzmeldungen.

 

Ich wünsche eine interessante Lektüre.

 

Herzliche Grüße,

 

Stefan Altevogt

Brain Drain in den USA?

Die National Academy of Sciences hat in ihren Proceedings Ende Juni ein Paper mit dem Titel „Caught in the crossfire: Fears of Chinese–American scientists“ veröffentlicht, das sich mit der Frage auseinandersetzt, wie sich die 2018 vom Justizministerium gestartete „China Initiative“ auf die globale Führungsposition der USA in Wissenschaft und Technologie ausgewirkt habe und künftig weiterhin auswirken werde.

Zum einen zeigten die Daten über die institutionelle Zugehörigkeit von Autoren von mehr als 200 Mio. wissenschaftlichen Arbeiten einen stetigen Anstieg von Rückwanderungen chinesisch-stämmiger Wissenschaftler aus den USA nach China, zum anderen sei durch die China Initiative der Druck auf die weiterhin in den USA arbeitenden Forscherinnen und Forscher mit chinesischer Abstammung in zweierlei Hinsicht gewachsen, nämlich zum einen ein deutlich gestiegenes Misstrauen und zum anderen entsprechend sinkende Chancen auf Fördermittel. Es heißt: „If the situation is not corrected, American science will likely suffer the loss of scientific talent to China and other countries.”

Das Paper betrachtet allerdings einen etwas größeren Zeitraum, nämlich seit 2010, und stellt einen signifikanten Verlust chinesisch-stämmigen Talents für die US-amerikanische Forschung fest, die sich durch die China Initiative dann noch einmal deutlich beschleunigt habe.

Die im Paper aufgezeigten „unintended consequences“ der China-Initiative dauerten auch nach einem „offiziellen“ Ende der Initiative fort, weil sich an dem der Initiative zugrundeliegenden Konkurrenz-Gedanken und dem daraus erwachsenden Misstrauen nur wenig geändert habe. Das Paper sieht die „unintended consequences“ dieser Stimmung in den USA vor allem in drei Bereichen: Sie halte neue Doktoranden aus China davon ab, in die USA zu kommen und dort zu promovieren, sie mache das Arbeitsumfeld für prominente chinesisch-stämmige Forschende in den USA unattraktiv oder sogar feindselig und sie halte chinesisch-stämmige Forschende davon ab, sich staatliche Unterstützung zu sichern und US-amerikanisch-chinesische oder internationale Kooperationen anzustreben. Es heißt abschließend: „To attract new scientific talent from China and keep scientists of Chinese descent from returning to China or moving to other countries, it is imperative to alleviate their fears and nurture an inclusive and safe academic environment conducive to scientific research. Indeed, American science and American society should continue to welcome and attract Chinese scientists to maintain the US global leadership in science and technology in the long run.”

 

Sie finden das Paper hier.

 

Ein Beitrag auf Inside Higher Education zitiert über das Paper hinaus auch jüngste Zahlen aus dem „2023 Science, Technology and Innovation Outlook“ der Organization for Economic Cooperation and Development (OECD), die für 2021 auf einen Nettoabfluss aus den USA hinwiesen und auf Nettozuflüsse wissenschaftlicher Autoren nach China. (Zu den Strömen innerhalb Europas heißt des zudem: „The European Union’s growing attractiveness for scientific authors is partly a result of Brexit, with EU scientists returning from the United Kingdom.”)

Wenngleich der Abfluss aus den USA in Richtung China gemessen an der Gesamtzahl chinesisch-stämmiger Ingenieure und Wissenschaftler in den USA gering sei, so sei doch auch bei den in den USA verbleibenden Forschenden eine derzeit überwiegend pessimistische Stimmung unter ihnen bemerkbar, die Kai Li, Vizepräsident des Asian American Scholar Forum in folgende Worte fasst: „I don’t feel safe anymore. I don’t apply for federal grants.” Der Verlust von Talent könne viele Gründe habe, doch zumeist ließen sie sich mit Blick auf das Verhältnis zu China darauf zurückführen, dass die Abkühlung im Namen der nationalen Sicherheit erfolge, was zu einer absurden Situation führe: „If we’re losing talents, that’s a national security problem by itself. If we don’t have the top talents, we’re losing leadership in science and technology.”

 

Sie finden den Beitrag hier.

Zweiter Anlauf im Umgang mit Studienschulden

Der US Supreme Court hat es der US-Regierung untersagt, einen Teil der sich mittlerweile auf gut $1,6 Bio. belaufenden Studienschulden per Stundung von geschätzt $450 Mrd. abzubauen (wir berichteten in der vergangenen Ausgabe). Das Schuldenproblem ist damit allerdings nicht aus der Welt und im kommenden Jahr sind wieder Wahlen, zu denen auch die 40-45 Mio. Studienschuldner an den Urnen erwartet werden. Es war daher zu erwarten, dass man sich innerhalb der US-Regierung auf die Entscheidung des Supreme Courts vorbereitet und entsprechende Pläne vorbereitet hatte, mit den der Regierung zur Verfügung stehenden Mittel – ein Gesetz zum Schuldenerlass scheidet angesichts der gegenwärtigen Mehrheitsverhältnisse im Kongress aus – die Schuldenkrise irgendwie zu lösen oder wenigstens zu lindern.

In einem Beitrag auf Inside Higher Education hieß es dann auch gleich am Tag der Entscheidung, dass Bildungsminister Miguel Cardona an einem Regulierungsprozess arbeite, der gezielt Schuldenerleichterungen für die einkommensschwächsten Schuldner erreichen solle. Dazu sei mit dem „Saving on A Valuable Education (SAVE)”-Programm ein einkommensabhängiger Rückzahlungsplan vorgelegt worden, von dem man sicher sei, dass es der günstigste Rückzahlungsplan in der Geschichte sein werde. Cardona wird zu SAVE mit den Worten zitiert: „It will cut monthly payments to zero dollars for millions of low-income borrowers, save all other borrowers at least $1,000 per year and stop runaway interest that leaves borrowers owing more than their initial loan.”

Zudem habe das Bildungsministerium eine 12-monatige Übergangsphase für die ab August einsetzende Wiederaufnahme der seit Beginn der Covid-Pandemie pausierenden Rückzahlungen angekündigt, die den Kreditnehmern helfen solle, die härtesten Konsequenzen verpasster, nur teilweiser geleisteter oder verspäteter Zahlungen zu vermeiden, wie z. B. negative Kreditauskünfte oder die Weitergabe von Studienschulden an Inkassobüros.

 

Sie finden den Beitrag hier.

Reaktionen auf die Entscheidung zu Affirmative Action

Die verschiedenen Reaktionen auf die Entscheidung des Supreme Court zum Verbot der Berücksichtigung ethnischer Kriterien bei Zulassungsentscheidungen an Colleges lassen sich grob in drei Gruppen einteilen: Die Entscheidung wird als ein ernstes Hindernis auf dem Weg zur besseren Integration unterrepräsentierter Schichten beklagt, man erörtert, wie man nach der Entscheidung mit anderen Mitteln das Ziel erreichen könnte, das über Affirmativ Action hätte erreicht werden sollen, und man berichtet über Absurditäten der Praxis von Affirmative Action und die vielen Strategien, die Richtlinien auszutricksen bzw. jeweils für sich arbeiten zu lassen.

Letztgenannte Beiträge, wie der von Farhad Manjoo in der New York Times, zeigen vor allem, dass Affirmativ Action über die Jahre zu einem eher schlechten Werkzeug geworden sei, das aller Vielfalt zum Trotz sieben von Bürokraten vorgegebene Kategorien zur Eingruppierung von Studienbewerbern gekannt habe: American Indian oder Alaska Native, Asian, Black oder African American, Native Hawaiian oder Other Pacific Islander, Hispanic oder Latino und White. Ja, man habe auf den Studienbewerbungen auch ausführlicher sein, also angeben dürfen, ob man nun als „Asian“ aus Pakistan, Indien, China, Vietnam oder Japan komme, oder ob man als Latino Kubaner sei oder vielmehr einen ethnischen Hintergrund bei den Mayas habe. Für die Entscheidung einer Zulassung bei ansonsten gleichen Voraussetzungen hätten allerdings nur die groben Kategorien einer Rolle gespielt, wie aus einer im Urteil zitierten Unterhaltung hervorginge. Es heißt: „In an online chat between U.N.C. [University of North Carolina, eine der beiden im Verfahren vor dem Supreme Court beklagten Hochschulen] admissions officers offered as evidence in the case, one official gushed about a student with ‘Perfect 2400 SAT. All 5 on AP [Advanced Placement]. One B in 11th.’ The other officer cut to the important question – the student’s skin color: ‘Brown?’ ‘Heck no. Asian,’ the first officer replied. ‘Of course,’ the other U.N.C. official said. ‘Still impressive’.” Nach den Kategorien der U.N.C. gehörten zur Gruppe der Asiaten auch braune Menschen vom indischen Subkontinent, oder deren Vorfahren vom indischen Subkontinent stammten. Das im Dialog erkennbare geistige Bild der Admissions Officers habe damit aber nicht übereingestimmt.

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Einen Blick nach vorne wagt der Chronicle of Higher Education mit einem Beitrag zur Frage, wie sich die Admission Offices der US-amerikanischen Hochschulen auf die neue Rechtslage einstellen würden. An Hochschulen, deren Hauptziel darin bestehe, die Klassenräume zu füllen und die noch wachsen könnten, würden die Auswirkungen allenfalls am Rande zu spüren sein. Ähnlich würde es sich an öffentlichen Hochschulen in Bundesstaaten verhalten, in denen – wie in Kalifornien oder Florida – Affirmative Action schon seit Längerem nicht mehr praktiziert würde.

An den Hochschulen allerdings, an denen bei der Studienzulassung sehr feine Unterscheidungen zwischen ansonsten hervorragend qualifizierten Bewerbern getroffen werden müssten, würde sich der Prozess wohl grundlegend ändern. Man dürfe dort nicht mehr einen Bewerber aufgrund seiner Hautfarbe oder ethnischen Herkunft bevorzugen, weil – der Supreme Court sehe im Zulassungsverfahren ein Nullsummenspiel – die Bevorzugung eines Bewerbers die Benachteiligung eines Mitbewerbers sei.

Statt Affirmative Action sollten sich die selektivsten Hochschulen mehr auf besondere Rekrutierungsprogramme konzentrieren, auch auf die Gefahr hin, dass Menschen, die sich von solchen Programmen übergangen fühlten, gegen solche Programme klagen könnten. Man solle zudem die Bedeutung standardisierter Testverfahren wie SAT und ACT für die Zulassungsentscheidungen auf die Einsicht hin anpassen, dass Testergebnisse nicht nur akademische, sondern vor allem auch sozioökonomische Aussagekraft hätten.

Schließlich gehöre auch die „legacy admission“ auf den Prüfstand, die Bevorzugung von Kindern von Alumni und Hochschulmitarbeitenden bei der Zulassung. Hierzu heißt es: „What’s worse than saying the children of alumni are naturally more qualified?”

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

In ihrem Newsletter Latitudes macht Karin Fischer im Chronicle of Higher Education darauf aufmerksam, dass Affirmative Action in Frankreich bereits seit Längerem verboten sei, während in Länder wie Brasilien, Indien und Südafrika weiterhin Merkmale wie ethnische Zugehörigkeit, Kaste oder sozioökonomischer Hintergrund bei Zulassungsentscheidungen zum Studium berücksichtigen würden. Sie schreibt: „The Supreme Court ruled U.S. colleges can’t use race in admissions. It’s long been banned in France.“

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

Kurznachrichten

Drei Studierende am MIT haben sich einem Beitrag im Chronicle of Higher Education zufolge näher mit der Frage befasst, ob ChatGPT4 tatsächlich in der Lage sei, den Herausforderungen eines Studiums am MIT gerecht zu werden. Diese in einem Paper (das allerdings noch keinen Peer Review Process durchlaufen habe) aufgestellte Behauptung sei bei näherer Betrachtung – so man sie denn anstellen wolle – nicht zu halten und wenn man genauer hinsehe, käme man zum Ergebnis: „No, GPT4 can’t ace MIT“.

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Sie finden das von den Studierenden kritisierte Paper hier.

 

Sie finden die Stellungnahme der Studierenden hier.

 

Der Chronicle of Higher Education meldet Pläne des US-Außenministeriums, Flüchtlingen einen neuen Weg zum Studium an US-amerikanischen Colleges einzurichten. Mit einem neuen Programm mit dem Namen „Welcome Corps on Campus“ werde es Gruppen von Amerikanern ermöglicht, private Patenschaften für studierende Flüchtlinge zu übernehmen. Es heißt: „The effort is meant to provide refugees with two things nearly all of them lack: access to postsecondary education and certainty about where they will live in the future.”

 

Sie finden die Meldung hier.

 

Sie finden das Programm Welcome Corps on Campus hier.

 

Ein Beitrag befasst sich im Chronicle of Higher Education mit den Folgen der Entscheidung der US-Regierung, Hunderttausenden von Inhaftierten wieder den Zugang zu staatlichen Finanzhilfen für ein Studium zu ermöglichen. Es heißt: „Students incarcerated in federal or state penal institutions were ineligible for Pell Grants, the primary federal aid program for low-income students, for nearly 30 years. That ban can be traced to the 1994 crime bill, which caused most prison higher-ed programs to shutter.” Seit Anfang Juli hätten nun mehr als 760.000 Inhaftierte Anspruch auf Pell Grants und das Bildungsministerium würde entsprechend seither Förderanträge annehmen. Die Gefahr bestünde allerdings, dass sich nicht nur Einrichtungen mit rein guten Absichten, sondern mit materiellen Gewinnabsichten und entsprechenden Bildungsangeboten um die Inhaftierten kümmern würden.

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

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